Ein Interview mit Wilfried Rappenecker von Ulrike Schmidt

von 2009

Wilfried - wann hast Du mit Shiatsu angefangen?
Ende August 1981

Erinnerst Du noch Deinen ausschlaggebenden Impuls, damit zu beginnen?
Im Frühjahr 1981 bin ich im Urlaub den Highway 1´ an der amerikanischen Westküste
herunter getrampt und in `Esalen´ gelandet. Dort habe ich zugeschaut, wie auf dem
Sundeck die Esalen-Massage angewendet wurde. Da hatte ich plötzlich den Wunsch,
auch Massage zu lernen und meine Freunde zu massieren. Als ich zurück in Berlin war,
sagte eine Freundin zu mir, Massage könne ich ja immer noch lernen, aber erstmal
käme ein Japaner aus New York nach Berlin, Wataru Ohashi, bei dem solle ich mal
einen Kurs in Shiatsu machen. Das habe ich getan. Ich habe zu der Zeit im Urban-
Krankenhaus auf einer chirurgischen Intensivstation gearbeitet, da wurde bestimmt
nicht berührt. Vielleicht hat das meine Sehnsucht zu berühren mit ausgelöst.

Und welches Bedürfnis stand letztlich dahinter, Deinen Beruf als Arzt ganz
aufzugeben?

Ich habe meinen Beruf als Arzt niemals aufgegeben! Ich verstehe auch heute meine
Shiatsu-Tätigkeit als eine ärztliche Tätigkeit. Ich habe lediglich meine
schulmedizinische Tätigkeit aufgegeben. Dies tat ich, weil ich das Gefühl hatte, es tut
mir einfach gut. Diese Überlegung hatte durchaus auch eine spirituelle Dimension.
Dann die Sehnsucht zu berühren. Und nicht zuletzt auch eine Art Forscherdrang,
herauszufinden, was alles Berührung bewirken kann, wie weit das geht.

Wenn ich recht erinnere, hast Du einmal erwähnt, das Du vor Deinem ersten
Shiatsukurs Dir die Meridiane schon selbst beigebracht hast - hast das
funktioniert?
Hattest Du im Kurs eine Art "Standortvorteil" dadurch?

Ja, ich habe an Hand des ersten Buches von W. Ohashi die Verläufe der traditionellen
TCM-Meridiane auswendig gelernt. Dadurch hatte ich durchaus einen entschiedenen
Standortvorteil. Ich war durch meine Vorkenntnisse oft der, der gefragt wurde, wenn
im Kurs oder in der von uns selber ins Leben gerufenen Arbeitsgruppe Unsicherheit
über die Meridian-Verläufe bestand. Dadurch war ich auch immer wieder
herausgefordert, nachzulesen, mich zu vergewissern, was mir die Meridiane, auch die
Masunaga-Verläufe, nie als etwas Schwieriges erschienen ließ.

Kannst Du etwas zum Konzept der Meridiane sagen? Welche Bedeutung hat die
Arbeit mit den Meridianen in Deiner Praxis?

Meridiane sind ein sehr wertvolles Instrument im Shiatsu, mit dem ich über eine ganze
Behandlungsdauer mit einem energetischen Organ arbeiten kann, d.h. mit einer
kompletten Seite eines Menschen. Ich kann das energetische Organ durch die
Berührung im Meridian berühren, ich kann erfahren, in welchem Zustand es sich
befindet und ich kann sogar Fragen stellen und erhalte Antworten. Alles in allem ein
tolles Instrument! Allerdings sind die Meridiane keineswegs das Herz des Shiatsu für
mich, das ist immer der ganze Mensch und die Begegnung mit ihm.

Angenommen, die Meridiane haben keinerlei Form oder Struktur im Körper - wie
können dann `mechanische´ Übungen wie die Meridiandehnübungen (oder auch
Dehnungen und Rotationen) einen Effekt auf die Meridianenergien haben?

Meridiandehnübungen, Yoga-Übungen oder auch Dehnungen und Rotationen in einer
Shiatsu-Behandlung sind ja niemals nur mechanische Geschehnisse sondern
beeinflussen immer auch den energetischen Raum des Menschen. Dies tun sie um so
mehr, je entspannter und offener die übende / behandelnde Person ist und je weniger
sie etwas erzwingen will. Nur ein Teil dieser Wirkung auf den Raum findet im Verlauf
des Raumes eines Meridians statt. Der meist wichtigere Teil wirkt sich auf den
größeren energetischen Raum aus, den man z.B. den energetischen Organen
zuschreiben kann.

Was war zuerst: "Kyo" oder "Krise"? Oder anders gefragt - lässt ein Kyo ein
Symptom entstehen oder hinterlässt ein Symptom ein Kyo?

Ich glaube, Masunaga hat davon gesprochen, oder? Zunächst einmal muss man
feststellen, dass Kyo oder auch Jitsu keineswegs für Schwäche oder Stärke stehen. Sie
sind zunächst einmal nichts weiter als die neutrale Weise, wie das energetische Feld
sich organisiert bzw. strukturiert. In lebenden Organismen muss der energetische
Raum sich stets organisieren, das scheint ein Naturgesetz zu sein. Das ist neutral,
weder gut noch schlecht, weder richtig oder falsch.

Die Muster im energetischen Feld entstehen immer interdependent, das heißt, Kyo und
Jitsu entstehen letzten Endes gleichzeitig, sie bringen sich gegenseitig hervor. Für ein
Kyo muss immer ein oder viele Jitsus, aber auch Kyos, "gerade stehen". Für ein Jitsu
gilt das gleiche umgekehrt. Ich würde also sagen, Kyo bringt Jitsu nicht mehr hervor
als Jitsu ein Kyo - sie bedingen sich gegenseitig. Wenn sich ein energetisches Muster
z.B. ein tiefes Kyo im Verlauf einer Behandlung ändert, dann muss das von dem
gesamten Muster des Menschen durch Veränderung mitgetragen werden. Nur so erhält
der Mensch seine Homöostase aufrecht.

Die Bedeutung des Kyo in unserer Arbeit liegt nicht darin, dass sie die Ursache allen
Übels darstellen, als dass sie vielmehr den Zugang zur Tiefe eines Menschen
darstellen, dorthin wo die geheimen Wünsche, Sehnsüchte, Ängste und Schwächen
vergraben worden sind. Alles, was existent ist, jedoch vergraben, verdrängt oder
geleugnet wird, dominiert uns. Gleichzeitig entzieht es sich aber auch der bewussten
Kontrolle, weil es ja weit von dem Bewussten Erleben entfernt deponiert wurde. Weil
es so tief verdrängt wurde und sich lange dort aufhalten und das Leben beeinflussen
kann, erscheint es uns wichtiger als die Oberfläche. Für die praktische Shiatsu-Arbeit
ist das auch richtig. So erscheinen diese Kräfte schließlich als die Ursache unseres
Leidens, und da ist auch etwas Wahres dran. Um Lösungen für unsere Alltagsprobleme
aber auch unsere Erkrankungen zu finden, brauchen wir in jedem Fall Zugang zu den
Kräften in der Tiefe. Nicht selten ist es so, dass die Berührung eines solchen tiefen
Komplexes wichtige lange verhinderte Bewegungen zulässt.

Deine größte Inspiration im Shiatsu?
Liebe für die Menschen

Deine größte Überraschung im Shiatsu?
Dass Ki ganz real ist und konkret erlebt werden kann

Deine größte Entdeckung beim Shiatsu ausüben?
Dass Menschen sich immer selber heilen

Deine größte Herausforderung im Shiatsu?
... nicht so viel zu wollen

Deine größte Shiatsukrise?
Anfang der 90er Jahre, als Shiatsu vieles Unangenehme und kaum Auszuhaltendes ans
Tageslicht brachte und ich richtig krank wurde. Damals hatte ich gerade damit
begonnen, Shiatsu hauptberuflich auszuüben und hatte erwartet, dass es von nun an
blendend gehen würde. Das Gegenteil war der Fall.

Was war oder ist Deine größte Sehnsucht im Shiatsu?
Leicht aus meinem ganzen Dasein heraus zu arbeiten, nicht nur aus Teilen davon

Was ist Deine größte Ressource im Shiatsu?

Mein "Herz", mein stilles Inneres

Was würde Dir im Leben fehlen ohne Shiatsu?
Die Berührung

Was hättest Du Masunaga noch gerne gefragt?
Was er - von den Meridianen abgesehen - noch in seinem Shiatsu behandelt hat.

Ein Zitat von Ohashi:
"anyway, don't take it tooo serious!"

Dein nächstes Buchprojekt?
"30 Fälle Shiatsu" - ein Buch mit 10 bis 15 Autoren evtl. aus mehreren europäischen
Ländern, das voraussichtlich im Herbst 2009 im Urban-Fischer-Verlag erscheinen wird,
und in dem 30 interessante Shiatsu-Fälle vor allem aus der therapeutischen Shiatsu-
Praxis beschrieben werden.

Lieber Wilfried - vielen Dank für das Interview!
Bitte, liebe Ulli!

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