"Ich bin ein Schattenblüher"
Ein Interview mit Ulrike Schmidt von Wolfram Jokisch (2011)




Liebe Ulli,

Du hast die Entwicklung der GSD in den letzten 20 Jahren aus einer ganzen Reihe von Rollen und Perspektiven erlebt, begleitet, getragen und aktiv mit gestaltet.

Ja, in der Tat, zuerst habe ich Gründung nebenbei miterlebt, in meiner Zeit als Angestellte bei Wilfried im Büro. 1992 wurde ich selbst Mitglied. Es folgten Ämter und Jobs als Kassenprüferin, Buchhalterin, Hilfsdienste für´s Journal beim Verschicken, dann ab 2001 Vorstandsmitglied und zudem bin ich langjähriges Mitglied der Prüfungskommission. In den letzten 10 Jahren habe ich zusätzlichen einen Shiatsu-Kongress und drei mal die Fachtagungen in Berlin hauptverantwortlich organisiert.


Was sind Deine drei persönlich unvergesslichen Highlight-Erlebnisse mit und in der GSD in dieser Zeit?

Hhmm, Bruno Endlich war seinerzeit unser Vorstandskollege und konnte wegen einer schweren, plötzlich diagnostizierten Erkrankung nicht an dem Freiburger Shiatsukongress teilnehmen. Das war im Mai 2008. Während der Mitgliederversammlung haben wir gemeinsam für Bruno gesungen. Ich meine, er wurde am gleichen Tag operiert. Mich hat das sehr tief berührt, das gemeinsame Singen - er war nicht dabei und doch dabei! Es war ein Moment explosionsartiger Verbundenheit.
Dann, es war während einer dieser manchmal endlosen Sitzungen, wo es wieder darum ging, welches neue Logo es denn nun werden soll, welche Farbvariante und welche Schriftgröße… Da schob mir Evelin einen winzig gefalteten Spickzettel zu, da stand drauf "1000. Mitglied!" den habe ich mir aufbewahrt.
Und drittens, ich habe für mich die Bedeutung des Begriffes "Stimmigkeit" entdeckt, umfassend begriffen sozusagen, was das meint. Das taute auf im Zusammenhang mit der Diskussion um die Salutogenese. Vorher hatte ich noch nie davon gehört. Ein spannender Blickwinkel!


Was sind im Vergleich/Unterschied dazu aus Deiner Sicht die drei wesentlichen Entwicklungen/Wendungen in der Geschichte der GSD? Ist da für Dich ein „roter Faden“ erkennbar/beschreibbar?

In meiner frühen Vorstandszeit stand die Entscheidung an, ob wir aus der ESF, der Europäischen Shiatsuförderation austreten wollen. Wir zahlten ziemliche Summen von Geld in den ESF-Topf, aus dem die so genannte "Forschungsstudie" einer englischen Universität finanziert. Es wurde aber nicht naturwissenschaftlich geforscht was Shiatsu "kann", sondern auf einem hohen Niveau, nämlich mit Universitätsstandarts, eine Erhebung mit einem kleinen Personenkreis gemacht: wer kommt aus welchem Grund zum Shiatsu und was sind die Erfahrungen damit…? So kann man das wohl in Kürze bezeichnen. Durch den Austritt aus der ESF haben wir uns als GSD auf uns selbst besonnen. Und erstmal distanziert von vermeintlich für uns günstigen, aber dennoch nebulös bleibenden "EU-Lösungen". Damit einhergehend, haben wir Shiatsu für uns neu definiert. Wir hatten die Schnauze voll davon, in der Presse immer wieder zu lesen "Shiatsu ist eine Heilmethode" oder "Shiatsu ist eine japanische Massagetechnik". Auch Behörden haben uns solche Standards in Verfahren gegen unsere Mitglieder präsentiert. Wir haben jedoch gesagt: WIR sind der Verband! Und WIR definieren das Shiatsu, das unsere Mitglieder ausüben.
Erstmals entstand die Idee, Qualitätskriterien zu entwickeln und einzuführen. Diesen Stand haben wir heute längst erreicht: Qualitätskriterien existieren für GSD Shiatsu-PraktikerInnen, - LehrerInnen und Ausbildungsinstitute. Und wir kümmern uns um die Einhaltung der Richtlinien.
Der rote Faden wäre also in etwa: Besinnung auf nationale Eigenständigkeiten und Potenziale, Definition von Shiatsu und Einführung von Qualitätsstandards.


Du wolltest ja, wie Du öfter sagest, nie ganz „in erster Reihe stehen“
- und hast zugleich in Deinen Jahren im Vorstand viel bewegt:

Ach, komm, ich bin wirklich keine typische Vorreiterin! Ich fühle mich einfach wohler im Schatten. Botanisch ausgedrückt: ich bin ein Schattenblüher. Ein von der robusten Sorte. Allenfalls habe ich viel mit-bewegt und mit-getragen.


Was waren für Dich die wesentlichen Herausforderungen/Aufgaben in Deiner Begleitung und Mitgestaltung der GSD-Entwicklung? Worauf bist Du im Rückblick auf Deine Mit-Arbeit besonders stolz?

Ich denke, mich haben drei Fähigkeiten durch die elf Jahre Vorstandsarbeit getragen, nämlich ein gutes Sitzfleisch, Ausdauer und Verlässlichkeit. Ansonsten sehe ich die Vorstandsarbeit und die damit bewältigten Projekte und Aufgaben eher als Gemeinschaftsarbeit an, auch wenn natürlich individuell unterschiedlich viel Zeit aufgewendet wurde. Stolz bin ich allenfalls auf etwas, wo ich nichts für kann: unsere langjährigen, kontinuierlich und super arbeitenden Frauen in der Geschäftsstelle: Elvira, Evelin und eher kurz mit dabei auch Melanie! Ohne die wäre der jetzige Zustand gar nicht denkbar. Ansonsten geht´s ja bei der Verbandsarbeit nicht darum, individuelle Ziele und Vorteile zu erreichen, sondern bestmöglichst die Mitglieder zu vertreten, und eben auch die, die einen vielleicht nicht gewählt haben.


Wofür besonders dankbar?

Ich habe etliches dazugelernt, mir abgeschaut, nebenbei aufgesogen. Wie funktioniert professionelle Verbandsarbeit? Wie arbeiten Gremien? Wie gehen wir in Konfliktsituationen mit uns um? Und immer wieder war es spannend, zu erleben, wie Du alles gemanagt hast, was mit der Funktion als 1. Vorsitzender eines Berufsverbands zusammen hängt. Chapeaux! Dafür bin ich sehr dankbar.


Was trägt im Besonderen Deine Handschrift?

Ehrlich gesagt: nix! Selbst die Dinge, die ich federführend, wie wir es so schön genannt haben, betrieben habe, sind dennoch inhaltlich gemeinsam entstanden. Das gilt ebenso für die GSD-Berufsbildbroschüre, wie auch die Vorbereitung des neuen Satzungsentwurfs mit allem, was dabei auszutüfteln und zu formulieren war.


Wie würdest Du Deine Rolle in dem Ganzen mit 1-3 Worten charakterisieren?

Ich bin dabei!


Woran hast Du vielleicht auch gelitten?

Ich wollte vor vielen Jahren - sehr engagiert, wie ich fand - den bestehen und eher brachliegenden Shiatsu-Förderverein neu beleben. Da fühlte ich mich mit meinen Vorstellungen völlig ausgebremst. Mehrheitsbeschlüsse gelten einfach, und das ist dann auch nicht persönlich gemeint.
Schwierig in den wechselnden Vorständen fand ich manchmal, dass ich "den Leuten" nicht einfach sagen konnte, was und wie sie etwas tun sollten! Das galt natürlich besondern für die neu dazu gewählten KollegInnen. Das ist natürlich absurd, solche autoritären Visionen. Die Mitgliederversammlung ist ja der Souverän bei der Vorstandswahl und wählt nach eigenen Vorstellungen. Nebenbei, ich bin rückwirkend nicht ganz glücklich, wie wir junge KollegInnen in unsere Runde integriert haben - oder eben auch nicht. Auch hier sind wir dem Modell "Ehrenamt" eher am Ende, unser Verfahren hieß: wird schon werden… Das ist nicht unbedingt ein guter Start innerhalb einer  Vorstandsrunde.


Gibt es Weggabelungen in dieser Zeit, in der Du heute im Rückblick anders entscheiden würdest als damals?

Ich weiß nicht, ob ich mich überhaupt wieder für zur Wahl stellen würde, unter den damaligen Begebenheiten.
Nachdem nämlich drei Banken es abgelehnt hatten, mir einen Kredit für meinen geplanten Hausbau zu geben ("Bitte, was machen Sie beruflich…?!" Und das verdienen Sie damit?), dachte ich, Okay, dann stelle ich mich zur Verfügung für die GSD. Kurz nach der Wahl tauchte plötzlich eine weitere Bank auf und gab mir eine Hypothek. Und dann stand ich plötzlich da, mit Baustelle und Vorstandsarbeit an der Hacke. Und nach dem Umzug auch noch vier Monate ohne Telefonanschluss!
 
Politisch-verbandlich bin ich mit dem Gewesenem konform. Sehr, sehr froh bin ich über die Entwicklung unserer Shiatsu-Anwendungsfelder: jetzt kann sich jede/r im Verband willkommen fühlen, egal ob jemand therapeutisch oder gesundheitsfördernd mit Shiatsu arbeitet. Das war ein großer Brocken, an dem wir lange geschleppt haben. In dieser dicken Schleifspur haben wir sicherlich einige Mitglieder verloren, denen wir nicht klar genug positioniert waren. Und das waren wir wirklich nicht. Es waren Jahre, in denen sich fast zwei Flügel gebildet haben, die HP-Shiatsu-Praktiker und die Gesundheitsförderer. Dank Dir und Deinen integrativen Ideen, Wolfram, ist womöglich eine Spaltung des Verbandes verhindert worden. Immerhin hingen wir über Jahre in diesem Dilemma fest.


Was steht aus Deiner Sicht für die nächsten 10 Jahre GSD und damit den neuen Vorstand als Prios auf der Tagesordnung? Welche Entwicklungen in Deutschland und im Shiatsu sollte dabei besonders beachtet werden?

Erstmal wünsche ich mir sehr, dass unser Experiment gelingt, nämlich die nächste Vorstandswahl nach einer neuen Satzung durchzuführen. Dadurch wäre es möglich, Menschen, die bereit sind sich zeitlich stark in der Verbandsarbeit zu engagieren, auch eine Art angemessenen Verdienstausfall zu zahlen. Das wäre ein Novum innerhalb der GSD. Bisher gab es nur Ehrenamt, quer durch alle Ebenen der Ämter.
Es steht an: die Weiterentwicklung der Shiatsuanwendungsfelder, Öffentlichkeitsarbeit, weil dies die beste Aufklärungsarbeit ist und ein aktiver Kontakt mit Behörden, Ämtern und Institutionen. Und eine weitere Vernetzung innerhalb Europas - ja, jetzt!

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