Interview mit Paul Lundberg von Kerstin Rost (2016)

Übersetzt von Monika Knaden.

 

Lieber Paul,

Es gibt so viel zu fragen
und gleichzeitig nichts.
Es gibt so viel zu sagen
und gleichzeitig nichts.

als Paula mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, mir Fragen für ein Interview mit Dir zu überlegen, war ich voller Freude und dann

…kam keine Frage.

Der Abgabetermin für die Fragen rückt näher, ist eigentlich schon überschritten, da taucht nachts zur Leberzeit in meinem Kopf auf: „Seiki ist außen leise und innen laut.“

Was meinst Du dazu?

P: Zuerst möchte ich Dir für Dein Interesse danken und dass Du Dir die Zeit genommen hast, dieses Interview vorzubereiten. Ich kann durchaus verstehen, dass Seiki als Thema eine Herausforderung darstellt, und dazu auch noch entsprechende Fragen zu formulieren – aber hier sind wir nun! Ich bin froh über diese Möglichkeit und ich will mein Bestes tun, um alle Fragen zu beantworten.

Du hast mit einer etwas gewagten und eindrucksvollen These begonnen. Ich stimme dem nicht ganz zu, aber es ist ein idealer Beginn, weil wir wollen ja eine klare Vorstellung davon bekommen, was Seiki ist und was nicht. Seiki bezieht sich auf das Leben selbst, in einer bewusst ganzheitlichen Weise, und kommt damit dem Ursprung und Geist der Yin-Yang Philosophie sehr nahe: die Natur zu erleben und zu beobachten. Wir sind zwar abhängig von der Natur, aber nicht von dieser Philosophie. Akinobu Kishi, der den Seiki-Weg entwickelte und lange Jahre mein Lehrer war, bezeichnete Seiki als „Lebens-Bewegung Harmonie“ (Life-Movement Harmony). Das könnte eine Beschreibung sein, oder aber eine einfache Feststellung. Die Frage ist, was wir damit verbinden.

„Ki“ wird oft als die Urkraft des Universums betrachtet und wird mit Veränderung und Bewegung in Zusammenhang gebracht. Wenn Du dieser Bewegung gewahr wirst, sagst Du, das ist Yang - aber wenn sich Ki verdichtet, um die materielle Welt zu formen, die der Erde zugeordnet wird, dann ist es Yin. „Sei“ ist ein japanisches Wort, was im Deutschen Harmonie bedeutet. Das japanische Schriftzeichen hat jedoch noch eine andere Bedeutung: „Leerheit“. Also finden wir in „Lebens-Bewegung Harmonie“ auch Leerheit, das bedeutet „Lebens-Bewegung Harmonie“ ist stets leer, ohne jegliche Eigenschaften, doch gleichzeitig ist sie auch alles, was wir um uns herum wahrnehmen. Seiki, wie es von Kishi gelehrt wurde, ist, das Leben zu leben, in dieser offenen und alles umfassenden Weise, ein ganz natürlicher Weg zur Heilung. Wenn wir auf diese Weise leben und uns jedem Moment öffnen, so wird sich das „Hier und Jetzt“ ins Unermessliche ausdehnen, in der sich alle erdenklichen Arten von Möglichkeiten auftun. In der Philosophie von Yin und Yang, wird das Innere der Dinge als Yin bezeichnet, weil es im Verborgenen liegt, mysteriös und dunkel ist. Doch auch im Inneren befindet sich ein Zentrum, ein Ort von ausgeglichener Stille und Ruhe. Wir können in uns selbst nach einem stillen und ruhigen Ort suchen, aber stattdessen finden wir unsere Emotionen in Aufruhr, rastlose Gedanken, physisches Unwohlsein und überreizte Nerven. Wir geben uns vielleicht nach außen hin den Anschein, kontrolliert und ruhig zu sein, aber in uns tobt ein Sturm. Wenn wir unseren aufgestauten Gefühlen freien Lauf lassen, zerstören wir eine vorher beschauliche Atmosphäre. Die Gefühle kommen an die Oberfläche und werden „laut“, wie Donner, aber später dann, nach dem „Sturm“, herrschen im Inneren und Äußeren Ruhe. So ist es teilweise eine Frage des richtigen Timings und das notwendige Bewusstsein zu entwickeln. Stürme können auch Schaden anrichten.


K: Wie bist Du zum Seiki gekommen?

P: Durch mein Interesse an Shiatsu, das ich 1974 zusammen mit Makrobiotik zu studieren begonnen habe. In der damaligen Zeit gab es nur wenige Kurse, alle auf Amateur-Niveau, aber ich fühlte mich durch die heilende Kraft, die in der einfachen Berührung lag und durch die östliche Philosophie inspiriert. Ich nahm an einem Kurs zur westlichen Massage teil und entschied mich dann, Akupunktur zu studieren. Sechs Jahre später, nachdem ich meine Ausbildung abgeschlossen hatte und dabei war, mir als Akupunkteur eine Praxis aufzubauen, erwachte in mir der starke Wunsch, mein Studium von Shiatsu und traditionellen manuellen Therapien wieder aufzunehmen. Es gab immer noch keine professionellen Shiatsukurse in England. Daher fragte ich eine enge Freundin und Kollegin um Rat, die in New York Shiatsu studiert hatte. Zu meiner Überraschung nahm unsere Unterredung eine ganz unerwartete Wendung.

Meine Freundin erzählte mir, dass sie von einem japanischen Shiatsu-Lehrer in Paris gehört habe, der lange Jahre bei Masunaga studiert und dann mit ihm zusammengearbeitet habe. Offenbar schickte er sich an, einige seiner Schüler auf einen langen Intensivkurs mit nach Japan zu nehmen. Sie überlegte auch daran teilzunehmen und schlug mir vor, sie bei diesem Abenteuer zu begleiten. Der Lehrer war Shinmei Kishi, wie er sich damals nannte. Er kam im Frühling 1981 nach England und ich besuchte einen kurzen Workshop bei ihm in Oxford. Seine Herangehensweise machte mich eher ratlos, aber irgendetwas daran zog mich auch an und so entschied ich – ganz spontan – nach Japan zu gehen.

Kishi nannte es Shinto-Shiatsu, aber es war mehr eine Meditation aus Atem- und Bewegungsübungen, teilweise verbunden mit improvisierten, gefühlvollen Berührungen, anscheinend ohne eine strukturierte Methode oder klar formulierte Theorie. In gewisser Weise entspricht dies der Praxis im Shinto, insbesondere zu erwähnen sind die befremdlich wirkenden Praktiken an einem Shinto-Schrein, tief in den Bergen in der Nähe von Kyoto, das Singen von Norito (reine Töne), das Stehen unter Wasserfällen, das Erklimmen von steilen Berghängen, die Teilnahme an Teezeremonien und weiteren rituellen Handlungen. Ich wusste damals nicht genau, was passierte. Es war meine erste Berührung mit einem tief transformativen, experimentell arbeitenden Heilungsweg, den Kishi bald darauf Seiki nannte.


K: Was macht für Dich die Faszination von Seiki aus?

P: Nichts hat mich bisher so tief berührt und bewegt und Seiki bleibt auch weiterhin für mich richtungsweisend, sowohl auf meinem eigenen Heilungsweg als auch in meinem Studium der subtilen östlichen Medizin.


K: Im Kurs hast Du gesagt „Ich sehe kein ZEN im Shiatsu.“

Was bringt Dich zu dieser Ansicht?

P: Nun, diese Frage trifft mich etwas unvorbereitet, aber gut, ich versuche es mal. - Während des letzten Jahrhunderts gab es im Westen ein wachsendes Interesse am Buddhismus. Insbesondere der Zen-Buddhismus beeinflusste und belebte die gängige Vorstellungswelt und avancierte ab den 1950er Jahren zu einer Modeerscheinung. Die charakteristisch einfache, klare und manchmal strenge Ästhetik des Zen verbunden mit einem Sinn für Natürlichkeit und Spontanität übte einen starken Einfluss auf Literatur, Kunst und Design im Westen aus. Darin spiegeln sich durchaus die Einfachheit des klösterlichen Lebensstils sowie die praxisnahen Lehrregeln der verschiedenen buddhistischen Schulen des Zen wieder, aber es ist wichtig diese künstlerischen und ästhetischen Einflüsse als einen Ausdruck der japanischen Kultur zu begreifen und sie von der eigentlichen Praxis im Zen-Buddhismus zu trennen.

Der Titel von Masunagas bekanntem Buch „Zen Shiatsu“ stellt uns vor ein Problem. Wataru Ohashi, ein Shiatsu-Lehrer aus New York hatte die Veröffentlichung der englischen Übersetzung von Masunagas Buch arrangiert und auch diesen Titel vorgeschlagen. Das Buch war bereits in Japan unter einem anderen Titel erschienen. Ohashi hatte jedoch richtig erkannt, dass Zen einen Marktwert besaß und helfen würde, Shiatsu bekannt zu machen. Gleichzeitig stiftete er damit aber auch einige Verwirrung.

Zugegebenermaßen, Masunaga nimmt zu Beginn seines Buches im Rahmen seines allgemeinen Diskurses über Kultur, Philosophie, Medizin und Psychologie Japans auch Bezug auf die buddhistische Tradition. Er erläutert dann einige Grundlagen zur Berührung im Shiatsu, die heilsame Veränderungen im vegetativen Nervensystem bewirken (Untersuchungsergebnisse eines Forscherteams, dem auch Masunaga und Namikoshi angehörten). Zusammengefasst sind diese Grundlagen: „senkrechter Druck, „den Druck halten“, „Konzentration“ (die er durch seine Methode „zwei Hände arbeiten als Einheit“ ersetzte), „Wahrnehmung des Hara“ und „entspannte Benutzung des Körpers“. Dies waren die Aspekte in seiner Arbeit, so wage ich zu behaupten, die dem Zen noch am nächsten kamen. Parallel dazu gab es noch seine Beobachtungen der biologischen Aktivitäten von Amöben übertragen in Kyo/Jitsu-Terminologie und die typischen spontanen Bewegungen oder „Körperreaktionen“ in Verbindung mit den Meridianen.

Anstatt sich jedoch der bereits bestehenden traditionellen Meridiantheorie mit ihren vereinheitlichten Wechselbeziehungen zu bedienen, präsentierte Masunaga eine „Erweiterung der Meridiane“. Zusammen mit einer Adaption der traditionellen Hara-Diagnose entstand so die Grundlage der in seinem Buch beschriebenen Behandlungspraxis - seine Meridian-Shiatsu-Methode. Masunaga wollte in seine Shiatsu-Lehrmethode sowohl traditionelle als auch moderne medizinische Ideen einbringen und bis zu einem gewissen Grad gelang ihm das auch. Vielleicht wäre Meridian Shiatsu ein treffenderer Begriff für seine weitgehend anerkannte Lehrmethode gewesen, die von Lehrern im Westen aufgenommen und weiterentwickelt wurde. Passend wäre es, Shiatsu als manuelle Therapieform zu bezeichnen, aber das hat nichts zu tun mit Zen. In seiner Vielschichtigkeit ist Shiatsu eher mit der traditionellen Anma-Methode (japanische Massage; Anm. d. Übers.) zu vergleichen, aus der Shiatsu ursprünglich hervorgegangen ist. Die ersten Shiatsu-Therapeuten tendierten eigentlich zu einer mehr natürlichen, einfachen und ruhigen Weise der Berührung. Wir brauchen ganz einfach Klarheit über die Vorteile der verschiedenen Behandlungsansätze.

Zen beschäftigt sich natürlich auch mit dem menschlichen Leiden, aber auf eine ganz unterschiedliche und pragmatische Art und Weise, die den Grundsätzen der buddhistischen Lehre entspricht, unmittelbar vermittelt durch meditative Übung und Erfahrung. Wir können das etwas näher betrachten, wenn ihr mir erlaubt fortzufahren.

Zen oder Zen’na kommt aus dem Chinesischen Ch’an’na, was aus dem indischen Sanskritwort Dhyana abgeleitet wurde, was Meditation bedeutet: das disziplinierte Üben von konzentrierter Wahrnehmung oder Achtsamkeit, was im Sitzen, Stehen, Gehen oder in unseren täglichen Verrichtungen (zu denen wir nun auch die Berührung durch Shiatsu hinzufügen können) geschehen kann. Es gibt noch andere buddhistische Schulen, einige mehr intellektuell, andere mehr religiös, man kann ihre Philosophie studieren, was natürlich interessant ist, aber die Meditation ist das Wesentliche – Buddha praktizierte sie, um Befreiung zu erlangen, das Ego zu transzendieren und erleuchtet zu werden. Die tiefere Erkenntnis, die sich uns durch die Praxiserfahrung erschließt, erlangen wir jedoch zuallererst durch Üben. Üben bedeutet, dass wir das wahre Wesen des Leidens, seine Ursache, dessen Auflösung verstehen und den Weg erkennen, das Leiden zu überwinden. Das Problem ist die Anhaftung. Die chinesischen Zen-Schulen vermischten die erdzugewandten Erkenntnisse des Dao mit den buddhistischen Lehren und entwickelten die Praxis der Nicht-Anhaftung durch Meditation. In jeder täglichen Verrichtung oder in den Künsten werden konzentrierte Aufmerksamkeit, Sensibilität und Spontanität sichtbar in Wu Wei, oder Wei Wu Wei, oft übersetzt als Nichtstun, Aktion/keine Aktion oder besser „ohne Mühe Bemühen“ – etwas, was man nur selten im heutigen Shiatsu findet, was aber ein Grundprinzip der Seiki-Praxis ist.

 

K: In meinen Kursaufzeichnungen habe ich viele tiefgehende Aussagen von Dir gefunden, lauter weise Worte, die mich immer wieder berühren, wenn ich darin lese.

Hast Du schon einmal darüber nachgedacht noch ein Buch zu schreiben?

Ein Buch über Seiki?

P: Danke für Deine freundlichen Worte. Tatsächlich arbeite ich gerade an einem weiteren Buch. Es ist ein immer noch andauerndes Projekt, was vor ungefähr 19-20 Jahren Gestalt annahm. Anfänglich hatte ich die Idee aufzuzeigen:

- wie die verschiedenen Heilkünste in der östlichen Medizin durch vergleichbare innere Übungen und Techniken vereint sind, und

- wie die erhöhte Körper-Geist Wahrnehmung - ein Resultat von Übungspraktiken wie Meditation, Gyoki und Qigong - die subtilen Qualitäten der heilenden Berührung unterstützt, die ich durch Seiki entdeckt hatte.

Shiatsu schien immer in loser Verbindung zu anderen traditionellen Übungspraktiken zu stehen, aber niemand schien mit Sicherheit sagen zu können, welche davon für Shiatsu wichtig waren und welche nicht. Ich kann auf einen großen Erfahrungsschatz in den verschiedenen Lehrformen und Stilen von Taiji und Qigong zurückblicken und mir wurde klar, dass sie ebenfalls viele wesentliche Merkmale gemeinsam haben, die von ihren jeweiligen Lehrern auf unterschiedliche Weise herausgestellt und praktiziert werden. Nur einige wenige Bücher, die echten Taiji-Klassiker, berichten über die subtilen internen Grundlagen dieser Heilkunst und ich erkannte, dass historisch gesehen alle Übungspraktiken und Grundlagen auf denen sie sich gründen, ihre Wurzel im Daoyin oder Do-in haben, ein anderes Thema, über das nur wenig geschrieben wurde und das mein Interesse geweckt hat.

Aus dieser Erkenntnis heraus fühlte ich mich motiviert, etwas über Seiki zu schreiben, was ja auch in diese Richtung geht und ich sprach mit Kishi darüber – auch er war dabei, ein Buch zu schreiben und wir beide tauschten Witze über unsere mühevollen Versuche aus, eine solche formlose, abenteuerliche und experimentelle Arbeit in Worten abzubilden. Ich hatte auch schon eine inhaltliche Struktur entworfen und begann mit der Arbeit, aber ich sah mich mit einer Vielzahl von Schwierigkeiten konfrontiert. Das betrifft insbesondere die sich ständig verändernden und unklaren Vorgaben von Kishis Arbeit. Auch für Kishi selbst war es ein immer mehr ausuferndes Projekt, in dem ganz offenbar wichtige Grundmerkmale nicht festgelegt waren – die Form konnte variieren, der zu beschreibende innere Prozess war subtil, flüchtig und bei jeder Person einzigartig. Was man zuerst glaubte leicht erfassen zu können, schien sich noch weiter zu entfernen. Es gab einige Dinge, derer ich mir nicht bewusst war oder über die ich nicht tiefgehend genug nachgedacht hatte. Was waren die bedeutsamen Momente auf meinem eigenen Lebensweg gewesen, nicht nur die Ausbildungen selbst, sondern auch die Umstände, die mich letztendlich zu dieser Wahl veranlasst hatten? Heil werden hat persönliche, historische, globale und mystische Dimensionen und umfasst auch ein paar Regeln über das Leben, die sich nur schwierig systematisch erfassen lassen. Ich machte allmählich Fortschritte, aber nachdem ich 4 oder 5 Kapitel geschrieben hatte, hörte ich auf. Das Projekt ist „auf Eis gelegt“, wie wir sagen. Es war sehr nützlich gewesen, denn es half mir, meinen ganz eigenen authentischen Weg zu finden und ich lerne immer noch dazu. Ich habe weiterhin Artikel über Seiki und Daoyin Qigong geschrieben, auch als inhaltliche Unterstützung für meine Kurse. Heutzutage sehe ich die Dinge sehr viel klarer. Vielleicht kommt das Buch ja wieder zu mir zurück.

 

K: „Seiki ist tiefgreifend und effektiv, aber es gibt viele Widerstände bei den Menschen.“ waren Deine Worte. Woran liegt das?

P: Der Hauptgrund für diese ablehnende Haltung ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass sich Seiki in einem eher unkonventionellen Bezugsrahmen bewegt. Damit meine ich nicht nur, dass es eine eher unkonventionelle Heilmethode darstellt, sondern vielmehr die einfache Tatsache, dass es keine konventionellen Konzepte vorzuweisen hat. Es befreit uns aus dem Korsett unseres angelernten Wissens und trägt uns über die Grenzen herkömmlicher klinischer Praxis und dem standardisierten Ablauf einer professionellen Therapie hinaus. Seiki bietet uns Orientierungshilfen, aber es führt uns auch in einen unbekannten Erfahrungsraum, in dem Heilung vielleicht möglich werden kann, weil wir uns von der gewohnten Konstellation Körper-Geist trennen. Meist werden uns von der Medizin Lösungen aufgezwungen. Sie behandelt unsere Krankheiten und manchmal werden auch tiefliegende Disharmonien angesprochen, aber eigentlich verfolgen wir nur mit begrenzter Aufmerksamkeit den Heilungsprozess unseres Körpers. Wir sind uns der Widerstandskraft unseres Körpers und der Kraft unseren Zustand zu beeinflussen nicht bewusst. Einige Therapien sind in ihrer Herangehensweise mehr ausgewogen, aber auch sie agieren in einem bereits vorherbestimmten Rahmen. Das Seiki-Training erlaubt uns eine ganz andere räumliche Atmosphäre zu erschaffen, die helfen kann, sich in direkten Kontakt mit der Natur des Lebens zu begeben, was zu bewussten und spontanen Veränderungen führen kann. Unsere Wahrnehmungen stellen sich sofort entsprechend auf den gerade durchlebten Moment ein. Im Seiki können bestimmte Praktiken wie zum Beispiel Katsugen (spontane Bewegung) auch zu Schwierigkeiten führen. Wie kann man solch unvorhersehbare, augenscheinlich wilde körperliche Ausdrucksform bewältigen? Es ist eine weitere Herausforderung zu der bestehenden Norm, aber sie ist möglich. Das Seiki-Training eignet sich genau dafür.


K: Eine der demonstrierten Behandlungen hast Du mit den Worten begleitet

„Meine und ihre innere Bewegung gehen in Resonanz, wenn ich es nicht fühlen kann, kann ich es üben.“

P: Ich bin nicht sicher, was deine Frage hier genau ist, aber ich denke Du möchtest, dass ich die Sache nochmal klarer mache. In einer Seiki-Behandlung müssen wir ruhig und still, aber auch aufmerksam sein. Wir fühlen uns vielleicht in einem bestimmten Moment dazu hingezogen, in Resonanz mit etwas zu gehen, was von der anderen Person ausgeht und das wir spüren können. Wir lassen uns darauf ein und dadurch können wir möglicherweise viele Informationen sammeln. Auch wenn dieser Moment nicht anhält, oder die Bewegung verloren geht, bleiben wir geduldig und sind damit zufrieden, mit unseren eigenen Übungen fortzufahren – Atmen und ruhig beobachten. Surfer lassen viele Wellen passieren bevor sie sich entscheiden, auf einer zu reiten. Nehmen wir an, eine Person ist ein Fluss, dann können wir fragen: „Wie fließt der Fluss?“ Es gibt verschiedene Strömungen, einige sanft, andere kraftvoll, aber wir steuern diesen Fluss nicht, wir fischen und schwimmen auch nicht, wir können einfach die ihn umgebende Atmosphäre in uns aufnehmen bis sich eine bestimmte Aktion von allein ergibt. Wir haben keine bestimmten Absichten.


K: In den 3 Seiki-Kursen, die ich bisher besucht habe, habe ich die Widerstände der Menschen des Öfteren gehört.

Haben wir zu wenig Geduld oder braucht unser europäischer Geist unbedingt ein Konzept?

Vermissen wir den Leitfaden, die Struktur? Es wirkt so als gibt es keine Regel, ist alles offen?

P: In den Heilberufen ist ein verständliches Bedürfnis vorhanden, eine Arbeitsgrundlage zu schaffen, in der Wissen mit entsprechenden Fähigkeiten kombiniert ist und konkrete Ergebnisse erwartet werden. Die Medizin ist grundsätzlich darauf ausgerichtet, Krankheiten zu behandeln, darüber sind sich sowohl Ärzte als auch Patienten im Großen und Ganzen einig. Moderne Medizin gründet sich auf ein fein-strukturiertes Gedankengebäude von Wissen, entwickelt im Rahmen von wissenschaftlicher Rationalität, mit ihrer typisch analytischen und reduktionistischen Arbeitsweise. In der klassischen chinesischen Medizin dagegen sind die Grundlagen andere, aber auch sie ist gebunden an formale und vorgeschriebene Abläufe, die die Art der Diagnose und Behandlung vorgeben.

Mit den manuellen Therapien war es immer ein bisschen anders. Einige haben sich sehr spezialisiert und andere sind breiter aufgestellt, ein bisschen mehr ganzheitlich könnte man vielleicht sagen. Sie vertrauen auf die natürliche Fähigkeit unseres Körpers während einer Behandlung, eine positive Reaktion zu zeigen, aber auch dieser Prozess gehorcht einem standardisierten Ablauf. Shiatsu gehört in diesen Teil des Spektrums, aber es kann gleich einer medizinischen Therapie praktiziert werden, basierend auf Wissen, was sich an rein erprobte Behandlungsformen und -techniken hält (die Meridiane und die Funktionen der Punkte), oder es kann sich davon lösen und mehr offen praktiziert werden. Je weniger wir standardisierte Techniken benutzen, je mehr können wir auf die Bedürfnisse der Person eingehen, die bewusst oder auch unbewusst von ihr zum Ausdruck gebracht werden. Ganzheitliche Therapieformen einschließlich Psychotherapie, haben die Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist erkannt. Einem Menschen in seiner Ganzheit, seinen Fähigkeiten und Anlagen, dabei zu helfen, seine Lebenserfahrung in allen Bereichen zu optimieren, ist das Bemühen von subtileren Heilverfahren. Seiki repräsentiert mit seinem Fokus auf „Raum geben“, Nichteingreifen, Selbsterkundung und Sensibilität für andere, eine einmalige Denkweise, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Grenzen von konventioneller und traditioneller Medizin. Auf der Suche nach der Wahrheit stellt Seiki alles in Frage einschließlich der Notwendigkeit, eine bestimmte Aktion vorzuschreiben. Diese Grundhaltung wird von einigen Menschen kontrovers gesehen, aber sie steht nicht in Opposition zum traditionellen Shiatsu oder einer anderen therapeutischen Methode. Es ist wichtig zu betonen, dass es auch im Seiki - wie in allen anderen Heilkünsten - bestimmte Regeln für die Behandlungspraxis gibt und sinnvolle Richtlinien, um unsere Weiterentwicklung im Seiki zu begleiten. Diese leiten sich aber aus dem Leben selbst ab und nicht aus der Medizin. Auch liegt der Focus auf dem Behandler und nicht auf dem, was wir erhoffen vielleicht für den Patienten tun zu können. Seiki ermutigt uns über unsere formale Ausbildung hinaus, andere Möglichkeiten auszuprobieren, um uns noch immer weiter zu vervollkommnen. Das ist nicht neu. Die östlichen Traditionen haben uns immer die ganze Bandbreite zur Transzendenz unseres Selbst aufgezeigt.


K: Ist die Irritation, die eine Aussage wie

„Wenn wir nicht wissen, wo wir weitermachen sollen…es ist in Ordnung an irgendeinem Punkt weiter zumachen, es ist alles in Ordnung.“ hinterlässt, zu groß?

Das müsste doch ganz leicht sein?

Ist der Freiraum, den uns Seiki lässt, zu groß für manche von uns?

P: Nein, Shiatsu zu praktizieren ist nicht notwendigerweise einfach. Es kann extrem schwer und anstrengend sein. Wir sollten „einfach“ nicht mit „leicht“ verwechseln. Unsere Erwartungen und Wertungen sind die Quelle unserer meisten Schwierigkeiten. Wenn wir einen Moment lang mal nicht wissen, wie wir fortfahren sollen, können wir warten und beobachten. Auch ist es nicht falsch, mit einer bestimmten Art der Berührung weiterzumachen, die wir in unserer Ausbildung gelernt haben. Wenn wir denken, dass alles von uns abhängt, werden wir ängstlich und wir fürchten uns, Fehler zu machen. Aber nicht alles hängt von uns ab – das bilden wir uns nur ein, unser Ego spielt uns hier einen Streich.


K: „Es ist so einfach, das wir es nicht wissen.“

Wie kommen wir an dieses Wissen?

P: Nur durch Lernen und Üben, durch unser Bedürfnis, wenn du willst. Aber egal, Wissen spielt keine Rolle.

Das Geschenk, was Seiki für mich hatte, war Raum. Das erlebe und genieße ich immer wieder für mich, wenn ich mit Seiki in Berührung komme.

Welches Geschenk hatte Seiki für Dich? Gibt es ein besonderes Erlebnis, das Du erinnerst im Zusammenhang mit der Seikiarbeit mit Deinen Klienten?

Ich habe tatsächlich einige freudige Momente erlebt. Wenn ich diese großartige „Lebens-Bewegung“ (life-movement) wahrnehme, erlebe ich, wie Menschen sich verändern, sobald sie deren wirkliches Potential in sich selbst spüren. Das ist etwas, was eine Person wahrscheinlich niemals zuvor gefühlt hat, dass ganz tief in ihr, das Leben selbst für sie arbeitet – ihr Körper, mit angeborener biologischer Intelligenz und einem unerwarteten Ausmaß von Bewusstsein. Damit erlangt eine Person das Vertrauen in ihr eigenes Leben wieder, vielleicht durch etwas so simples ausgelöst wie Atmen. Jedem von uns kann es so ergehen, denn grundsätzlich ist da etwas, dem wir vertrauen können, trotz vieler physischer und psychischer Probleme. Durch diese gewonnene Einsicht können wir uns aufmachen, Neues zu beginnen. Ich habe gesehen, dass Menschen durch die Erfahrung mit Seiki in einer Behandlung oder durch Übungen in einer Gruppe, ihr Leben radikal verändert haben.

Auch hat mich eine andere, ganz besondere Situation in Erstaunen versetzt. Einmal bot sich mir die Gelegenheit, mit einem Baby zu arbeiten, das bei der Geburt einen Gehirnschaden erlitten hatte. Die Mutter brachte ihr Baby in die Klinik, als es nur vier oder fünf Monate alt war und ich arbeitete mit ihm in Intervallen über drei oder vier Jahre – nur mit Seiki. Wir entdeckten von der ersten Sitzung an, einen bemerkenswerten Level von empathischer Kommunikation. Der Blick des Babys fokussierte sich und die Spastik im Arm ließ nach und es konnte bis zur Höhe meiner Hand hinauflangen. Die Reaktionen des Babys und die positiven Effekte der Behandlung waren wirklich erstaunlich. Ich war voller Demut, denn ich habe dadurch eine Menge gelernt. Ich könnte noch von vielen anderen Beispielen erzählen.

Mischst Du die Techniken, die beiden Systeme Seiki und Shiatsu, oder bleibst Du konsequent dabei und arbeitest nur mit einem System entweder Seiki oder Shiatsu? Oder gibst Du gar kein Shiatsu mehr?

Jetzt denke ich im Einzelnen nicht mehr darüber nach. Ich spüre nur, dass ich ganz präsent und empfindsam sein muss. Ich war es gewohnt, Shiatsu und Seiki aufgrund ihrer großen Unterschiede in der Lehr- und Behandlungsmethode voneinander getrennt zu betrachten. In gewisser Hinsicht sind sie auch verschieden und ich habe meinen ganzen Mut zusammennehmen müssen, um mich von dem standardisierten Shiatsu zu lösen, was ich in der Klinik praktiziert hatte. Eine Zeitlang erlaubte ich den „Seiki-Qualitäten“ in mein Shiatsu einzufließen, um Tempo und Rhythmus zu verändern. Ich horchte, gab Raum und hörte auf, unentwegt zu berühren. Meine Patienten gaben mir während dieser Zeit einige interessante Rückmeldungen. Dann veränderte ich die Art und Weise meiner Arbeit komplett und zu meiner Überraschung erkannte ich, dass viele Menschen Seiki akzeptieren konnten und es ihnen gut tat. Aber Seiki ist nicht für jeden. Ich hatte bereits eine gemischte Praxis, weil ich ja auch schon mit Akupunktur arbeitete, daher versuchte ich, mich den jeweiligen Bedürfnissen meiner Patienten anzupassen. Da haben wir es wieder, das richtige Timing.

 

K: Ich danke Dir, dass ich Dir meine Fragen stellen durfte.

Herzliche Grüße aus der Bauhausstadt Dessau

P: Ich danke Dir nochmals für deine wohlbedachten Fragen. Worte bedeuten nicht alles, aber auch sie haben ihren Platz. Ich wünsche Dir auf deinem eigenen Weg alles erdenklich Gute und freue mich darauf, Dich auf einem der Workshops in Berlin wiederzusehen. Wir haben eine Seiki-Sommerschule und einen Wochenendkurs über Daoyin Qigong geplant. Wir sollten die Vorteile aus den unterschiedlichen Behandlungsformen ziehen, doch das offene Geheimnis ist, dass sie alle eine Methode, eine Reise darstellen.

zu Paul Lundbergs Blog

 

Wer mehr über Seiki lesen möchte:

Sei-ki - Das Verborgene in der Kunst des Shiatsu

von Akinobu Kishi und Alice Whieldon

übersetzt von Monika Knaden

 
Akinobu Kishi betrachtete dieses Buch als Einladung. Er nimmt seine Leser mit auf eine Reise durch die Geschichte der traditionellen Medizin in Japan vom 7. Jahrhundert bis hin zur Entwicklung von Shiatsu im 20. Jahr- hundert. Kishi gibt einen umfassenden Einblick in die Lehr- und Forschungsarbeit von Shizuto Masunaga, der zusammen mit Tokujiro Namikoshi eine der herausragenden Persönlichkeiten im Shiatsu ist. Über mehr als ein Jahrzehnt hinweg konnte Kishi zuerst als Student und später als Assistent von Masunaga dessen Ringen um eine allgemeingültige Theorie für Shiatsu verfolgen. Anfang der 1980er Jahre ging Kishi dann seinen eigenen Weg: Aus seiner reichen Erfahrung mit Shiatsu und eigenen Forschungen ergab sich – Seiki. In Gesprächen mit seiner Mitautorin Alice Whieldon entstand dieses Buch – es gewährt einen einmaligen Einblick in seine über 40jährige Arbeit mit Shiatsu und Seiki.

ISBN 978-3-9817460-0-6

EUR 18,90    

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