Ich habe begonnen, die Welt anders zu sehen
Ein Interview mit Wilfried Rappenecker von Ulrike Schmidt (2012)


Lieber Wilfried,



Du bist Autor mehrerer Bücher, Vater, Schulleiter der Schule für Shiatsu in Hamburg, unterrichtest als Shiatsulehrer in mehreren Ländern, bist Ausbildungsleiter des Schweizer ISS-Institutes in Kiental, Organisator der "Europäischen Shiatsukongresse", wie tankst Du eigentlich selbst auf - lässt Du Dir Shiatsu geben?

Natürlich lasse ich mir selbst auch Shiatsu geben. Ich wäre ja dumm, das nicht zu tun, schließlich weiß ich ja um die Wirkung von Shiatsu. Allerdings sind Shiatsu-Behandlungen nicht meine primäre Kraftquelle. Auftanken tue ich vor allem in der Beziehung zu meiner Partnerin, zu meinen Kindern und mit meinen Freunden. Freude im Leben ist eine so wichtige Kraftquelle! Von besonderer Bedeutung ist aber noch etwas anderes: ich nehme mir an den meisten Tagen morgens eine Stunde Zeit für Yoga und andere Übungen und für Meditation. In den Körperübungen und dem Sitzen erfahre ich viel Freude und tanke spürbar auf. Ohne diese Stunde würde ich mich ausbrennen; mein mir selbst auferlegtes Arbeitspensum  würde mich wahrscheinlich erschlagen.




Bist Du ein "Shiatsu-Arzt"?

Ja! Ich verstehe meine Shiatsu-Tätigkeit als eine ärztliche Tätigkeit. Ich bin nun mal Arzt, fühle mich als solcher und begegne meinen Klienten aus dieser Warte. Auch schreibe ich die Rechnungen als Arzt. In meinem Shiatsu gehe ich dabei wahrscheinlich nicht grundsätzlich anders vor als andere Shiatsu-Therapeuten, die keinen ärztlichen Hintergrund haben. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich ärztlich tätig bin.




Was würde der `Wilfried von damals´, der kurz vor dem Examen steht, heute zu Dir sagen, zu dem, was Du jetzt tust?

Oh, ich wäre damals sehr skeptisch gewesen. Mein erster Kommentar wäre gewesen: schade, dass du für die Medizin verloren gehst. Und: wir brauchen kritische und dem Menschen zugewandte Mediziner. Meine erste Frage wäre gewesen: machst du das, weil du vor etwas davon laufen willst? Die zweite wäre: was bringt denn Shiatsu mehr als nette Entspannung? Und: kannst du das irgendwie belegen? Auch wenn der Wilfried von heute all die Erfahrungen mit Shiatsu aus den letzten 30 Jahren aufführen würde, wäre der Wilfried von damals, so glaube ich, immer noch skeptisch.
Er würde sich wahrscheinlich vor allem durch grundsätzliche Überlegungen über die Bedeutung von Berührung für die Gesundheit dazu bringen lassen, einen genaueren Blick auf Shiatsu zu werfen. Vielleicht würde ihn auch die Erfahrung interessieren, dass für Gesundheit und für Heilung das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit, von Wärme, Freude und Hoffnung unverzichtbare Voraussetzungen sind. Allerdings hat sich der Wilfried von damals nur zehn Jahre nach dem Examen auf das Abenteuer Shiatsu als Beruf eingelassen. Also muss er doch recht lebendig und neugierig gewesen sein...




Du wolltest mal, wenn ich mich recht erinnere, Tropenmediziner werden...

Ach ja, das war mir damals sehr wichtig; da ist mir aber Shiatsu dazwischen gekommen. Ich war relativ abenteuerlustig, bin viel gereist damals, dreimal auch für nahezu ein Jahr, jedes Mal auf einem anderen Erdteil. Ich las die Informationen des Informationszentrum Dritte Welt, machte mir Gedanken, was die sogenannte Unterentwicklung eigentlich ist, und ob man als Mediziner den Menschen in Ländern der Dritten Welt überhaupt wirksam helfen könne. Ich habe 1983 in Hamburg einen Kurs in Tropenmedizin absolviert  - so bin ich überhaupt nach Hamburg gekommen. Dann begann ich Shiatsu zu praktizieren, und ich habe die Welt begonnen anders zu sehen. Nicht, dass meine damalige Sichtweise heute für mich nicht mehr gültig wäre, aber sie wurde sehr wesentlich ergänzt durch ein tieferes Verständnis für den Menschen.




`Ein Arzt heilt den Menschen´ - ist das wirklich so nach Deiner Erfahrung? Inwieweit hat diese Aussage Dich auf Deinem Weg beeinflusst?

Dieser Satz beschreibt überhaupt nicht meine Erfahrung. Er hat mich trotzdem stark beeinflusst. Und mir das Leben schwer gemacht. Als Arzt bin ich, unbewusst, von der Vorstellung ausgegangen, dass es hier ein Problem gibt und also der Therapeut die Lösung bringt. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich mir selbst auf die Schliche gekommen bin und erkannte, dass ich so dachte und in meinem Shiatsu so vorgegangen bin. Noch heute kann es geschehen, dass ich in der Arbeit mit einem „schwierigen“ Klienten in dieses alte Muster zurück falle. Ich muss da schon achtsam sein und mir selber gut zuschauen. Wenn ich es nicht bemerke, dann wird die Arbeit sehr anstrengend - und weniger wirksam. Tatsache ist, dass wir als Shiatsu-Therapeuten niemanden heilen können. Alles was wir tun können, ist einen Menschen auf dem eigenen Weg der Heilung oder vielleicht besser, seiner Entwicklung zu unterstützen. Das gilt übrigens genauso auch für andere Körper- und auch für Psychotherapeuten. Und es gilt auch für die Medizin, die immer dann helfen kann, wenn sie günstigere Bedingungen für die Heilung anbietet. In gleicher Weise ist das selbst für eine antibiotische Therapie oder für die Chirurgie zutreffend.



Die Gründung der GSD vor zwanzig Jahren, welche Vision hat Dich dabei getragen? Und wie sieht es damit jetzt aus?

Erinnerst du dich noch, wie wir damals die Briefe rumgeschickt haben und für die Gründung einer deutschen Shiatsu-Gesellschaft geworben haben? Angeregt durch unsere Lehrer aus England, wo eine nationale Shiatsu-Gesellschaft gegründet worden war,  schlugen Elli und ich den wenigen Shiatsu-Lehrern die wir kannten vor, eine deutsche Shiatsu Gesellschaft zu gründen. Elli wollte ja gleich eine europäische Shiatsu-Föderation starten. Mir erschien das jedoch etwas übereilt. Die Reaktion auf unseren Brief war vorsichtig positiv. Es gab allerdings auch offene Ablehnung und z.B. die Aussage so etwas sei absolut überflüssig. Meiner Erinnerung nach waren bei den ersten Treffen neben uns Anna Christa Endrich, Karin Kalbantner, Fritz Sagerer und Veronika Merz dabei. Bald kamen auch Wolfram Jokisch, Tilman Gaebler und andere dazu. Der Rest ist Geschichte.




Ist eine staatliche Anerkennung von Shiatsu als Methode sinnvoll - zumindest eine Aufnahme in den Abrechnungskatalog der Krankenkassen? Und wenn damit die Möglichkeit gegeben wäre `Shiatsu auf Rezept´ zu bekommen, würde uns das stärken - oder reglementieren?

Eine staatliche Anerkennung in Deutschland ist sinnvoll, weil Shiatsu eine lebendige und wirksame Realität in unserem Gesundheitswesen darstellt. In Australien wurde Shiatsu gerade, neben anderen komplementärmedizinischen Methoden,  staatlich anerkannt; in der Schweiz steht eine solche Anerkennung als Komplementär-Therapie für 2014 bevor. Auch in Österreich ist Shiatsu staatlich anerkannt, wenn auch als eine Massageform. Ich gehe davon aus, dass eine solche Anerkennung nach und nach in einer zunehmenden Zahl europäischer Staaten ausgesprochen wird. Es ist also keine Frage, ob wir das wollen oder nicht. Die interessante Frage ist vielmehr, wie gehen wir mit dieser staatlichen Anerkennung von Realität um. Eine staatliche Anerkennung und auch „Shiatsu auf Krankenschein“ wird uns stärken und gleichzeitig auch reglementieren. Die Herausforderung wird darin bestehen, sich darüber klar zu sein, was die Essenz des Shiatsu für uns ist, und wie wir dieses Herz auch bei zunehmender staatlicher und Krankenkassen-Reglementierung bewahren und weiter entwickeln können.




Shiatsu wird demnächst als Studiengang an einer Privatuniversität angeboten. Mit einem Bachelor-Abschluss. Wie stehst Du zu dieser Entwicklung, zu der Akademisierung von Shiatsu?

Ich fände es toll, wenn es in einigen Jahren in einem Master-Studiengang möglich würde, mit Shiatsu zu promovieren! Ich finde diese Entwicklung gut, wünschenswert und gleichzeitig bis zu einem gewissen Punkt unvermeidlich. Nun weiß ich allerdings nicht, wie weit die Entwicklung gehen wird. Wenn sie aber nicht vorzeitig stagniert oder abstirbt, dann wird es wahrscheinlich auch bedeuten, dass es öffentlich geförderte Forschung zu Shiatsu und zu seiner Wirkung geben wird. Das wird weiter zur öffentlichen Anerkennung von Shiatsu beitragen. Eine Folge davon wird auch sein, dass Selbstverständnis und das Selbstbewusstsein der Menschen die Shiatsu lernen und praktizieren sich tief gehend verändern werden. Es wird dann auch die Bereitschaft geben, mehr Zeit, Energie und Geld in eine gute Shiatsu-Ausbildung zu investieren.



Und, wenn Du Dir etwas wünschen würdest, wo steht dann die Shiatsubewegung in Deutschland in 10 Jahren?

In meiner Vision ist Shiatsu dann staatlich anerkannt, wird an privaten Shiatsu-Schulen in Verbindung mit Hochschulen gelehrt und zumindest in privaten Krankenhäusern mehr als bisher als Heilmethode eingesetzt. Vielleicht gibt es sogar Stipendien für Shiatsu-Lernende, so wie heute schon in Australien. Zu meiner Vision gehört auch, dass der Energie-Aspekt von Shiatsu und die essentiell subjektiven Aspekte dieser Arbeit allgemein akzeptiert sind und von den Shiatsu-Praktizierenden und Lehrenden selbstbewusst weiter entwickelt werden.



Rückblickend: gibt es etwas, worauf Du stolz bist? Welche Momente haben Dich in den zwei Shiatsu-Jahrzehnten besonders bewegt?

Ach, so richtig stolz bin ich eigentlich auf gar nichts. Aber sehr dankbar dafür, dass ich bei diesem Aufbruch von Shiatsu in Europa nahezu von Anfang an dabei sein durfte, und dass ich einen Beruf habe, der mich befriedigt und der mir sehr viel Freude bereitet. Am stärksten bewegt haben mich die Europäischen Shiatsu Kongresse in Kiental, wo in einer herzlichen Atmosphäre wichtige fachliche Fragen aufgeworfen und behandelt werden. Stark berührt fühle ich mich auch in jedem Jahr zur Abschlussprüfung, wenn wir sehen und spüren können, durch welche wunderbaren fachlichen und persönlichen Prozesse die Teilnehmer in den Jahren ihrer Ausbildung gegangen sind. Das ist ein Geschenk, für das ich sehr dankbar bin.





Lieber Wilfried, vielen Dank für das Interview!

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