Interview mit Carola Beresford-Cooke 2014

Interview mit Carola Beresford-Cooke von Ulrike Schmidt von 2014
übersetzt von Anne Frederiksen

 

Liebe Carola,

Du bist in Asien aufgewachsen – war es in Shanghai? Wie haben diese frühen Jahre Deine Berufswahl beeinflusst?

Stark, wirklich sehr stark. Übrigens war es nicht in Shanghai, in den 50er Jahren gab es nur sehr wenige Europäer im China Maos. Ich bin in Singapur und Malaysia aufgewachsen, wo mein Vater in der Vorsorgemedizin für die Armee in Fernost arbeitete. Wir haben auch eine Zeit lang auf Bali gelebt. Ich fühle mich in der asiatischen Kultur also sehr zu Hause. Sie ist Teil meiner frühesten Erinnerungen. Und natürlich waren Akupunktur und Chinesische Medizin mir mehr vertraut als möglicherweise anderen Kindern meines Alters. Ich erinnere mich, dass ich während des Singapur Festivals von Taipusam Männer in der Prozession gesehen habe, die große Haken durch ihre Zunge gesteckt hatten oder durch die Haut ihres Rückens und keinen Schmerz zu empfinden schienen. Dadurch wusste ich also schon damals, dass die „materialistische“ westliche Wissenschaft nicht auf alles eine Antwort hatte. Viele andere Faktoren haben meine Berufswahl auch noch beeinflusst, aber ich wusste immer, dass Shiatsu das Richtige für mich war.


Wie verlief Dein Weg von der Akupunktur zum Shiatsu? Gab es etwas, das durch die Ergänzung mit Shiatsu erst abgerundet wurde oder dass vorher ohne Shiatsu etwas fehlte?

Nein, zuerst studierte ich, wie erwähnt, Shiatsu. Ich wollte immer Shiatsu machen und, um ehrlich zu sein, ich bin kein großer Fan von Nadeln, obwohl ich natürlich um die große Wirkung, die sie haben, weiß. Das Problem war, dass während der späten 70er Jahre niemand etwas über die Shiatsu-Theorie wusste. Es gab die Makrobiotische Theorie, aber viel mehr gab es nicht. Es gab keine Bücher, keine Schulen. Ohashi war ein großartiger Lehrer für die Routine und den „Shiatsu-Tanz“, aber Theorie unterrichtete er nur wenig. Ich bin jemand, der gern etwas über die intellektuelle Struktur erfahren möchte. Und irgendwann schrieb ich an meinen Freund Michael Rose, der bei Masunaga am Iokai-Institut in Tokio studierte: „Ich sitze irgendwie fest, wie kann ich mit der Theorie weiterkommen?“ Und er schrieb zurück: „Du solltest wirklich hier her kommen und bei diesem Kerl studieren, er ist einfach erstaunlich. Aber falls das nicht klappt, warum studierst Du nicht Akupunktur?“ Nun, zu dieser Zeit konnte ich mir wirklich kein Jahr Auszeit in Japan nehmen, deshalb ging ich zur einzigen Akupunktur-Schule in England, die Teilzeit-Kurse anbot. Es war die Fünf-Elemente-Schule von J.R. Worsley, die sehr großen Einfluss im Westen hatte. Ich fand, dass der Unterricht nicht besonders gut war, aber ich lernte, wie ich Menschen sehr genau beobachten und mich in sie einfühlen konnte. Von Leuten, die gerade von ihren Akupunktur-Studien aus China zurückgekehrt waren, habe ich später dann mehr über die Theorie gelernt, besonders von Giovanni Maciocia, der jetzt der große Akupunktur-Guru ist. Aber ich wollte einfach mehr wissen, um Shiatsu zu praktizieren! Ich biete Akupunktur an, und es ist gut, die Nadeln zu setzen, wenn ich müde bin – aber Shiatsu ist das Beste.


Kannst Du sagen, welche Lehrer den größten Nachhall in Deiner Arbeit hinterlassen haben und warum?

Ohne Frage war es Pauline Sasaki. Bevor sie in Europa unterrichtet hat, haben wir alle gearbeitet, ohne eine konkrete Erfahrung mit Ki zu haben. Wir fühlten es, aber wir wussten nicht, wie es sich anfühlte, es zu fühlen! Wir konnten es nicht erkennen oder uns von ihm leiten lassen. Pauline zeigte uns, um was es beim Shiatsu wirklich ging, wie wir durch unser eigenes Ki direkt mit dem anderen arbeiten konnten. Sie machte uns auch deutlich, dass das „Behandlungs-Protokoll“ der Erfahrung unterzuordnen war. Zuerst war das für mich, die ich ein „Theorie-Junkie“ bin, sehr verwirrend, und ich habe damit gerungen, diesen Ansatz mit meiner Liebe zur Philosophie der Asiatischen Medizin zu versöhnen. Aber je mehr ich meine Wahrnehmung und meine Studien ausgeweitet habe, um so einfacher war es zu sehen und anzuerkennen, dass der Kontakt zum Empfänger die wesentliche Basis der Shiatsu-Praxis ist, und dass die Theorie eine Art Zierrat, eine Unterstützung, eine Hilfsquelle ist.

Auch aus der Zusammenarbeit mit meinen Kollegen Nicola Pooley, Clifford Andrews und Paul Lundberg habe ich sehr viel gelernt. Nicola und Cliff haben viele Jahre sehr eng mit Pauline zusammen gearbeitet und ihren Unterricht auf verschiedenerlei Weise weiter entwickelt. Beide haben mich sehr stark beeinflusst. Ohashi, mein erster Lehrer, war ebenfalls eine große Inspiration. Zu beobachten, wie er sich bewegte und zu sehen, wie Shiatsu mit dem ganzen Körper, nicht nur mit den Händen gegeben wird, war großartig.


Du hast das wunderbarste Shiatsu-Buch „Shiatsu in Theorie und Praxis“ geschrieben, das kürzlich in der 3. Auflage herausgekommen ist. Ich bewundere neben dem Reichtum der konkreten Informationen immer wieder Dein Talent, so poesievoll mit der Sprache umzugehen. Was ist die Quelle, aus der Du beim Schreiben schöpfst?

Danke, Ulli! Ich liebe Sprache. Ich liebe Wörter. Wörter sind eine Form von Ki, und genau das richtige Wort zu wählen, um ein Bild mit Leben zu füllen, ist eine Herausforderung, besonders wenn man über Shiatsu schreibt. Ich bin mir immer darüber bewusst, dass ich Wörter wie „reich“ oder „Erfahrung“ überbeanspruche, so gut bin ich also nicht. Ich glaube nicht, dass ich eine bestimmte „Quelle“ habe. Ich habe immer jedes Buch gelesen, das mir in die Hände kam, auch wenn ich heute ein Buch am Flughafen oder Bahnhof aussuche, schaue ich nicht nur auf den Inhalt (nicht zu Angst einflößend, am liebsten etwas Erbauliches und hoffentlich Gefühlvolles!), sondern auch, wie es geschrieben ist. Wenn ich den Stil des Schreibens nicht mag, weiß ich, dass ich das Buch nicht mögen werde. Gut zu schreiben, ist in gewisser Weise eine Form von Integrität. Ich vergesse nie die Worte Ernest Hemingways: „Du musst Deine kleinen Lieblinge töten.“ Mit anderen Worten, die Sätze, die Du liebst und auf die Du stolz bist, müssen verschwinden! Gebe ihnen nicht nach. Schreiben ist im Grunde wie Unterrichten. Es geht nicht um die Person, die den Inhalt liefert, ES IST DER INHALT, um den es geht.


Was die Außerordentliche Gefäß betrifft: was ist Deiner Meinung nach der größte Gewinn, wenn man damit arbeitet?

Ich liebe sie, weil sie der Quelle am nächsten sind. Sie reichen zurück zum Ursprung, zu unserer Herkunft. Sie haben eine umfassende Potenz und beinhalten wie Stammzellen einfach alles. Sie können alle unsere Bedürfnisse bedienen, nicht nur ein paar besondere, sondern einfach alle. Sie sind unglaublich kraftvoll.


Einige dieser Gefäße haben keine klar ausgewiesenen Verläufe. Ich kann mir vorstellen, dass das eine große Herausforderung ist…

Ich denke, das ist ein großer Vorteil! Wir können unsere Sorge, „ist es diese Seite des Muskels oder die andere“, vergessen und uns entspannen. Je mehr wir entspannen, desto mehr fühlen wir. Ich finde die Vielfalt, mit der die Verläufe der Außerordentlichen Gefäße beschrieben und gezeichnet werden, sehr interessant. Es bedeutet, dass jedes der Gefäße ein Gefühl ist, das wir erkennen können, wenn wir uns damit verbinden, also nicht so sehr ein bestimmter anatomischer Ort.


Du hast einmal zu mir gesagt, „das Leben ist zum Leben da und nicht zum Unterrichten“. Du bist noch Shiatsu-Lehrerin. Hört es nie auf?

Shiatsu ist die wichtigste Inspiration meines Lebens. Ich denke sehr viel darüber nach. Unterrichten ist eine Herausforderung, ganz klar, aber zu unterrichten bringt mich dazu, meine Gedanken konkret zu machen und nicht mystisch abzuschweifen. Das Leben zu lehren und das Lehren zu leben, das ist das, was ich hoffe erreichen zu können.


Und vor kurzem sagtest Du "was immer die Frage ist, Shiatsu ist die Antwort". Ich finde, dieser Satz bringt Shiatsu in einen großen passenden Zusammenhang, nämlich dass Shiatsu in der Körperarbeit mehr ist als eine Technik. Du hast dreißig Jahren Erfahrung mit Shiatsu, was glaubst Du ist der größte Gewinn für die Menschen?

Das ist schwer zu sagen. Um ehrlich zu sein, Shiatsu ist nicht für jeden etwas und Shiatsu ist kein Allheilmittel. Ich persönlich liebe es sehr und spreche da ganz für mich selber. Es gibt für mich nichts anderes als gutes Shiatsu. Es gibt mir eine angenehme Erfahrung und Entspannung, ich fühle mich dann anders, lebendiger, frischer, frei von Schmerzen, mehr im Gleichgewicht… Es gibt mir auch eine tiefe Vergewisserung über mein inneres Selbst, so dass ich mich ganz tief in meiner Existenz zu Hause fühle und nicht länger entfremdet und hilflos bin. Und ich weiß, dass viele andere Menschen das auch so erleben. Aber natürlich nicht alle.

Und noch etwas sollte ich erwähnen, Shiatsu zu praktizieren, ist so förderlich und heilsam, es ist einfach etwas Anderes, etwas Besonderes. Ich bin mir sicher, dass Reflexologie oder Cranio-Sakral-Therapie einen nicht so allumfassend absorbieren. Wir müssen unseren ganzen Körper fit halten, geschult, kraftvoll und besonders einfühlsam sein. Wir müssen unseren Geist und unser Herz schulen, um uns fokussieren und präsent und dennoch entspannt sein zu können. Und wir müssen unser Weltbild um 180 Grad drehen, um die Taoistische Philosophie des Seins zu begreifen. Shiatsu ist tatsächlich die höchste Form der Körperarbeit!


Und schließlich: was ist Deine persönliche Vision, Dein Traum für die nächsten Jahre?

Wenn wir ein bestimmtes Alter erreichen, beginnen wir zu erkennen, dass die Träume vielleicht nur Träume bleiben. Wir können nicht sicher sein, ob wir die Zeit oder Energie haben, unsere Projekte zu beenden. Ich arbeite im Augenblick an einigen Projekten, die sich über Jahre hinziehen können, eines davon ist ein Traum von mir, aber manchmal frage ich mich, ob ich ihn nicht aufgeben soll, um nur noch zu reisen. Einer meiner Träume ist es, mehr Zeit mit meinem Partner zu verbringen und mit ihm zu reisen. Vielleicht werden wir das verwirklichen, aber wenn nicht, ist das auch in Ordnung.

Ich bin glücklich, so ein abwechslungsreiches und ereignisreiches Leben zu haben, glücklich, dass ich mit Shiatsu in Berührung gekommen bin und jetzt friedlich hier in Wales lebe. Hier zu sein mit meinem Hund, meiner Katze, meinen Hühnern, dem Garten und dem Meer ganz in der Nähe an einem sonnige Tag – das ist mein wahr gewordener Traum.

Vielen Dank, liebe Carola, für das Gespräch!

Danke Dir, Ulli, es war mir ein Vergnügen!

 

 

 

 

 

 

 

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