Die Würde des Menschen ist tastbar - Eine Annäherung an das Wunderbare im Shiatsu

von Ulrike Schmidt

(...) Ich erfahre kaum etwas von ihm.


Nein, doch! Es ist eigentlich ganz anders. Fast alles, was ich von ihm erfahre,
erfahre ich durch und über meine Hände.
Meine Hände lesen die Muskulatur und die Knochen, die Bänder und Sehnen, die
Verbindungen, die Wirbelkörper, die Rippen, die Fußknochen, meine Finger spüren
sich in die Gelenke hinein, Schultergelenke, Hüfte, Knie, Ellenbogen, Knöchel,
Handgelenke, ich berühre den Schädel, wie eine kostbare Schale halte ich ihn
zwischen meinen Händen, ein Schädel, der gekrönt wurde, ich spüre die
Dornfortsätze der Halswirbel, halte den Schädelrand, bewege behutsam und
leicht den Kopf, als würde ich eine Königskrone in den Händen halten, Ohren, Stirn,
Schläfen, Haaransatz. Ich lerne, ihn mit meinen Händen zu lesen. Ich lausche den
Geschichten, die mir meine Finger erzählen, Fragmente, meist. Ich berühre ihn und
lasse mich berühren von seinem Leben. Zugegeben, manchmal brauche ich die
Hälfte der Zeit, um zu vergessen, wer er ist. Dann höre ich andere Geschichten. Sie
erzählen von seinen Bedürfnissen, Verletzungen und Sehnsüchten. Meine Ohren
lauschen seinem Atemrhythmus, tief und gleichmäßig. (...)

Dies ist ein Auszug aus einem Text, den ich über einen meiner Klienten zu seinem 85-
sten Geburtstag schrieb. Es handelt sich um einen Mann mit einer bemerkenswerten
Vergangenheit, von daher ist der gekrönte Schädel durchaus wörtlich zu nehmen. Wobei
sich natürlich die Krönungen unserer Zeit sehr unterscheiden von den Ritualen unserer
Vorfahren.

Das Besondere an unseren Begegnungen ist, dass wir nahezu nicht und nichts von
Bedeutung miteinander sprechen. Wir begrüßen uns, eine kurze Nachfrage zu seinem
Befinden, dann steuern wir die Shiatsumatte an und alle weitere Kommunikation
verläuft ohne Worte. Nach der Behandlung, einer neuer Termin - und: Auf Wiedersehen.
Diese Zeilen schreiben und lesen sich ja nun ziemlich langweilig. Man könnte meinen,
dass ich nichts von ihm weiß, da wir so wenige Worte miteinander wechseln.

Im Shiatsu sind wir jedoch darauf trainiert, mit unserer - ich nenne es einmal -
erweiterten Wahrnehmung einem Menschen gegenüberzutreten. Dazu gehört eine
Grundhaltung, die zutiefst von Respekt geprägt ist. Dies ist eine innere Haltung, die das
Gegenüber nicht wertet, nicht beurteilt, nichts fordert. Sondern vielmehr von einem
offenen Geist getragen wird, einer Wertschätzung all dessen, was uns in dem anderen
Menschen begegnet, ein Kontakt mit dem, was in ihm lebendig ist, und zwar jenseits
davon, ob es uns gefällt oder nicht. Es ist wie es ist. Allenfalls nehmen wir Phänomene
war, als Mosaiksteinchen, die dazu beitragen, ein individuelles Bild zu prägen. Und das,
wie Mosaike es so an sich haben, in einer leuchtenden, bunten, strahlenden Schönheit.
Dies ist, was uns Menschen ausmacht. Manchmal ist unsere Brillanz nicht offen sichtbar
ist, weil wir sie aus guten Gründen nicht zeigen wollen oder können.

Marshall Rosenberg drückt es in einem Song* so aus:

See me beautifull
Look for the best in me
That´s what I really am
And all I want to be

It may takes some time
It may be hard to find
But see me beautifull
See me beautifull

Each and every day
Could you take a chance
Could you find a way
To see me shinig through

In every thing I do
And see me beautifull


Die ist, was wir im Shiatsu durch unsere herzöffnende Grundhaltung versuchen. Und
damit ist es für mich der Inbegriff eines würdevollen Umgangs miteinander. Wir lernen,
uns zu erinnern an unsere Wesenshaltung, die uns innewohnte, bevor wir einen
trennenden, beurteilenden Geist entwickelten. Zu der Zeit, als wir noch Kinder waren.
Im dtv-Lexikon lese ich unter Würde: „die einem Menschen kraft seines inneren Wertes
zukommende Bedeutung; achtungfordernde Haltung". Wir versuchen im Shiatsu uns
nicht von den nach außen getragenen, sichtbaren, bekannten Tatsachen ablenken (oder
blenden) zu lassen, sondern wir versuchen, egal ob Bettler oder König, das tiefste,
innerste, unbefriedigte Bedürfnis, die größte Sehnsucht eines Menschen zu erspüren. Um
dann mit Hilfe von unserem Shiatsu dazu beizutragen, dass es sich verändern und
ausgleichen kann. Was immer es ist, was da gesehen werden möchte.
Wir berühren, bewegen und begleiten.


Ulrike Schmidt
Shiatsulehrerin und
Leiterin der Berliner Schule für Zen Shiatsu


* Marshall Rosenberg: Live Compassionately, 2002, ExtraordinaryMusic

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