ShiatsuWege - ein Portrait von Andrea Knöbel 

Ich bin im Jahr 1978 im Osten von Berlin in eine deutsch-ungarische Familie hinein geboren. Das damalige System durchlief ich wie viele Menschen meiner Generation. So wurde ich nach wenigen Lebenswochen ganztags in einer Kinderkrippe untergebracht, besuchte dann einen Kindergarten und ab 1984 eine Polytechnische Oberschule. Kurz nach dem Schuleintritt kamen Menschen in die Schulen, um mögliche Kader für den Leistungssport auszusuchen. Ich war darunter und landete beim Schwimmen. Zu der damaligen Zeit hatte der Leistungssport eine hohe Bedeutung. Für mich wurde er in meiner Kindheit zum Lebensinhalt-Lebensbestimmend und Lebensprägend. 1988 zog es mir dementsprechend den Boden unter den Füßen weg, als mein Leistungssportweg durch die äußeren Umstände zu dieser Zeit beendet wurde. Es folgte eine Zeit völliger Orientierungslosigkeit, welche durch das nachfolgende Jahr 1989 und der gesellschaftlichen Veränderungen noch verstärkt wurde. So wichtig und freudvoll wie die Wiedervereinigung war, so war es für mich als „halbes“ Kind eine Zeit der absoluten Orientierungslosigkeit. In Folge weiterer Lebensumstände entwickelte ich damals psychische Auffälligkeiten mit krankheitswert. Das Nicht-Spüren-Wollen kompensierte ich mit Alkohol, gefolgt von Essstörungen und weiteren Kompensationsversuchen. Beginnend im Jahr 1993, jedoch wirklich einsetzend im Jahr 1995 begann mein langer Heilungsweg. Um mich herum spann sich ein Helfernetz auf, welches mir ermöglichte, diesen langen Weg zu gehen.

Manchmal, in völlig unerwarteten Momenten, schenkt das Leben uns Augenblicke der Veränderung…welche erst etwas chaotisch erscheinen, in der Entfaltung irgendwie überraschen, aber dann zu einer Gewissheit werden. Rückblickend meinen ShiatsuWeg betrachtend, gab es genau einen solchen Augenblick, der mein Leben grundsätzlich verändern sollte. Dahinter verbarg sich ein Entscheidungsmoment, der mich noch nicht erahnen lassen konnte, welche LebensVeränderung er mit sich bringen wird.

Als menschenscheues Wesen eines Tages ausgerechnet in einer berührenden Körperarbeit meinen Beruf finden zu werden, war zu der damaligen Zeit undenkbar. Heute nun kann ich sehen, dass es meine ersten prägenden Lebensjahre waren, welche mich genau diesen Weg haben gehen lassen und mich genau so entwickeln lassen haben, wie ich heute bin. Mit meinem Weg möchte ich Mut machen! Mut, niemals sich selbst aufzugeben, niemals die Selbstzweifel größer werden zu lassen als die innere wegweisende Stimme und niemals aufzuhören zu lächeln…trotz allem, was den individuellen Lebensweg beschwerlich erscheinen lässt. Aus meiner Erfahrung heraus steckt genau darin das Potenzial, welches jeden Menschen wachsen, sich entfalten und seine Einzigartigkeit im Sein erstrahlen lässt!

Wie ging es nun weiter mit meinem LebensWeg… Ich schaffte mit viel äußerer Unterstützung und einem krankheitsbedingtem Wiederholungsjahr 1998 recht gut das Abitur. Damals wollte ich Krankenschwester werden, bekam jedoch trotz des Abiturs keine Ausbildungsstelle. Also blieb mir nur das Studieren. Aus der Leistungssportzeit heraus schien es mir sinnvoll Sportwissenschaft zu studieren. Da ich bereits als Schwimmtrainerin gejobbt hatte und mich im LehrerDasein auch sehr wohl fühlte, entschied ich mich für das Lehramtsstudium. Als weiteres Fach wählte ich Mathematik. Im Verlauf des Studiums ließ ich das Mathematikstudium sein und wechselte zum Fach Grundschulpädagogik, um dann eines Tages festzustellen, dass ich auf Grund meiner damaligen Schwierigkeiten mit dem Studieren überfordert war. Zu sehr noch forderte mich mein Heilungsweg, als dass ich hätte, mich auch

nur ansatzweise auf das Studium konzentrieren können. Also ließ ich mich ohne Abschluss exmatrikulieren.

In dieser ganzen Zeit habe ich als Schwimmtrainerin gejobbt, eine Zeit lang bis in die Nacht in einer Pizzeria Pizza gebacken, sowie gelegentlich in einem Eisladen Eis verkauft. Das war mein Leben. Irgendwie habe ich mich über Wasser gehalten, aber plätscherte orientierungslos und zunehmend isoliert vor mich hin.

2001 kam ich dann mit meinem heutigen Mann zusammen und es reifte der Wunsch nach einer Familie. So wurde 2003 unsere Tochter und 2006 unser Sohn geboren. Zwischendurch heirateten wir und waren auf der Suche nach einem passenden LebensOrt für uns und unsere Kinder. Wir lebten am Rande von Berlin und zogen 2015 in eine naturnahe Potsdamer Siedlung, wo wir genau diesen LebensOrt heute gefunden haben.

Wie kam nun das Shiatsu in mein Leben? Es gab diesen soeben beschriebenen Moment, der mich aus einem Bedürfnis heraus hat eine Entscheidung treffen lassen, die in ihrer Bedeutung für mich damals nicht absehbar war. Kurz zu der Vorgeschichte. 2005 und 2008 machte ich eine stationäre Rehamaßnahme. Bei dieser Rehamaßnahme kam ich mit Qi Gong in Kontakt. Erst kamen mir diese eigenartigen Bewegungen komisch vor und ich wusste nicht so richtig etwas damit anzufangen. Vielleicht sah ich es auch als eine Art Gymnastikübungen an. Aber irgendwann begann ich diese Qi Gong-Termine zu lieben. Aus der Reha zu Hause angekommen, suchte ich nach Qi Gong-Möglichkeiten in Berlin. In Siemensstadt wurden Kurse angeboten, die immer nur über den Zeitraum von 3 Monaten gingen und finanziell für mich in jenen Tagen machbar waren. Als ich von diesen gelesen hatte, dachte ich „Super!... Das versuche ich!“. Dort begegnete mir ein herzensgutes Lehrerpärchen, welches mich sehr beeindruckte. Beide gaben zudem Tai Chi Kurse. So meldete ich mich gleich noch bei solch einem Kurs an. Das war der erste Samen, der mir eine neue Orientierung gegeben hat. Ich begann mich und meinen Körper zu spüren und in mir wuchs die Gewissheit, dass ich irgendetwas mit Energiearbeit und Körperarbeit machen möchte. Ich wusste aber auch, dass es nicht Tai Chi sein sollte. Jedoch hatte ich keine Ahnung, was es hätte stattdessen sein können. Shiatsu war mir damals absolut unbekannt. So begab ich mich auf die Suche, ohne zu wissen, wonach ich eigentlich suche.

Eines Tages fiel mir ein Prospekt vom Campus Naturalis in die Hand. Ich blättere darin und las mir die verschiedenen Ausbildungsinhalte durch. Dann kam ich zu der Seite, wo Shiatsu als Lehrgang beschrieben wurde. Ich dachte noch so bei mir: „Was ist das denn?“, las aber weiter. Beim Lesen der Ausbildungsinhalte geschah etwas, was ich heute als einen BerührungsMoment bezeichnen würde. Zeile für Zeile, Wort für Wort wuchs in mir wie im Zeitraffer das Gefühl: „Das ist es!!!“ Es fühlte sich an, als würde jede Körperzelle in mir vor Freude Purzelbäume schlagen. Ohne jemals eine Shiatsubehandlung gesehen oder gar bekommen zu haben, wusste ich aus diesem aufsteigenden und tiefen Gefühl aus mir selbst heraus, sowie von diesem Moment an: „Das ist es!!!“

Ich begann nachzuforschen, wo es möglich sein könnte, eine Ausbildung zu machen. Ich wurde fündig und musste relativ schnell meine Euphorie begraben, als ich nach den Ausbildungskosten schaute. Damals wurde mir klar: „Das geht leider nicht“. Ich war zu jener Zeit in einer finanziellen Situation, wo ich mit dem Taschenrechner durch den Lebensmittelladen gegangen bin. Aber, dieser Samen in mir reifte weiter vor sich hin.

Dann kam das Jahr 2011. Meine Kinder wurden größer und die Freiräume für mich ebenso. Mein Heilungsweg ging weiter und ich kam an den Punkt, wo ich meine Bedürfnisse begann zu spüren. Relativ isoliert lebend wuchs in mir ein nicht gelebtes kindliches Bedürfnis, nämlich Singen zu wollen. So saß ich an einem Augustabend an meinem Computer und schaute im Internet einfach nur so nach Sing-Möglichkeiten. Und plötzlich landete ich auf der Seite der Berliner Schule für Zen Shiatsu. Sollte das ein Zufall sein? Da war es wieder das Shiatsu! Wieder auf die Kosten schauend, kam die Erkenntnis: „Keine Chance!“. Aber es wurden 6 Abende gemeinsamen Singens und Tönens angeboten, welche offen waren für Jeden. Als ich die Kosten für die 6 Abende gesehen habe, war auch das eigentlich nicht machbar für mich. So rechnete ich hin und her und fand einen Lösungsweg, wenigstens für diese 6 Abende. Einen Tag später überwand ich meine Telefonängste und traute ich mich im Büro anzurufen, einfach nur um zu fragen, ob wirklich Jeder daran teilnehmen darf, selbst wenn ich nicht singen kann und nie in einem Chor oder sonst irgendwo gesungen habe. Am Telefon wurde auf meine Frage ganz freudig geantwortet mit: „Ja klar, Jeder kann mitmachen.“ Und so meldete ich mich für diese 6 Abende an. Es war der EntscheidungsMoment, der den Weg für eine LebensVeränderung ebnete, ohne dass es für mich zu diesem Zeitpunkt ersichtlich war.

Im September 2011 ging ich nun zum Singen und betrat zum ersten Mal die beeindruckenden Schulräume. Wir waren eine kleine Gruppe. Alle waren vom Shiatsu und trafen sich zum gemeinsamen Singen und Tönen unter der Leitung von Paula Heruth. Diese Abende waren wunderbar! Und meine Sehnsucht nach Shiatsu wuchs und wuchs. Immer noch hatte ich keine Ahnung vom Shiatsu, aber ich war in diesen Räumen unter diesen ShiatsuMenschen, bekam ein Gefühl dafür, sah die Meridiankarten und spürte diese Energie in mir, aber auch die Traurigkeit, dass es für mich nicht gehen wird.

Im Dezember erhielt ich den Newsletter der Schule. In diesem stand, dass eine „Putzfee“ für die Schulräume gesucht wird. Ohne weiter nachzudenken, dachte ich: „Ja, das mache ich!“. Ich meldete mich auf diesen Aufruf und bekam den Job, welcher mir den Weg öffnete, meine Ausbildung zu finanzieren. Unerwartet zeitgleich bekam ich einen weiteren kleinen Job in der Firma, wo mein Mann arbeitete. Nun war es endgültig klar, dass die Finanzierung meiner Shiatsuausbildung wie aus dem Nichts möglich geworden war. Ich meldete mich für den Basiskurs zu Pfingsten an, ohne jemals selbst eine Shiatsubehandlung erfahren zu haben und als ein Mensch, mit enormen Berührungsängsten zu jener Zeit. Ich folgte einzig und allein meiner inneren Stimme!

Paula, als eine der beiden damaligen Schulleiterinnen, kannte ich nun bereits vom Singen und habe mich vor dem ersten Basiskurs getraut, sie um eine Shiatsubehandlung zu bitten. Ich glaube, ich lag da wie ein Brett, aber ich wollte es wagen und mich berühren lassen. Diese erste Behandlung war die weitere Bestätigung meiner inneren Stimme. Begleitend zu meiner psychotherapeutischen Behandlung ließ ich mich nun relativ regelmäßig mit nonverbaler ShiatsuBerührung behandeln. Diese Kombination erlebt zu haben, war eines der größten LebensGeschenke, unglaublich wertvoll für meinen eigenen Weg und bis heute prägend für meine ShiatsuArbeit.

Zurück zum Basiskurs. Die vier Shiatsutage zu Pfingsten waren für mich in der damaligen Zeit der Moment, wo die starke innere Stimme zu einer Gewissheit in mir verankert wurde. Von nun an wusste ich: „Es gibt keinen Weg zurück!“ Ich stand unglaubwürdig vor mir selbst und meinen Fähigkeiten. Ich wollte einfach nicht glauben, dass ich Menschen berühren kann. Ich

konnte nicht verstehen, warum mir die Ausbildungsinhalte so leicht fallen. Es war so, als würden sich alle Erfahrungen aus meinem bisherigen Leben in diesen Momenten sammeln und etwas völlig Neues aus meinem Sein kreieren. Ich kam in Konflikt mit meinem bisherigen Leben und mit dem was ich über mich selbst dachte. Gleichzeitig berührte ich nicht nur andere Menschen, sondern mich selbst in meinem Wesenskern!

Die Ausbildung durchlief ich bis zum Ende und wurde 2015 Absolventin der Berliner Schule für Zen Shiatsu. Ich trat dem Dachverband, der GSD - Gesellschaft für Shiatsu Deutschland bei und erhielt die Anerkennung durch diesen Berufsverband. Im Alter von 37 Jahren hatte ich nun erstmals einen Beruf, und konnte es selbst kaum glauben.

Die Menschen, die mich kennen, wissen vielleicht, dass ich ziemlich verrückt auf meinem ShiatsuWeg unterwegs war und bin. Lange Zeit habe ich jeden mir zur Verfügung stehenden „Cent“ in das Shiatsu, in Fortbildungen, Behandlungen, Unterrichtsassistenzen, Bücher und weitere Inspirationsquellen gesteckt. Ich habe auf vieles verzichtet, hatte jedoch nie das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Ganz im Gegenteil, ich habe mich unglaublich beschenkt gefühlt! So auch jetzt in dieser Zeit, wo es mir eine HerzensFreude ist und ich voller Dankbarkeit bin, neben dem Berühren und Berühren lassen, Shiatsu zu unterrichten und unterrichten zu dürfen. Meine ShiatsuErfahrungen und mein bisher gesammeltes ShiatsuWissen weiter geben zu dürfen und andere Menschen mit und auf ihrem ShiatsuLebensWeg zu begleiten, berührt mich selbst zu tiefst! Zudem habe ich aus meinem eigenen Weg erfahren dürfen, wie wertvoll berührende Körperarbeit sein kann. In der heutigen Zeit gibt es eine Fülle an Angeboten. Shiatsu ist nur eine der Blumen unter vielen, aber dafür eine ganz Besondere und Einzigartige. Es ist mir ein sehr bedeutendes Anliegen, dass diese aus Japan stammende berührende Körperarbeit auch in Deutschland weiterhin einen besonderen Platz auf der bunten Blumenwiese an Angeboten hat. Shiatsu ist in seiner Anwendung sehr vielseitig einsetzbar und lässt sich sehr gut mit anderen Methoden oder Ansätzen verbinden. Meine Motivation als ShiatsuLehrende ist es, neben dem Erfahrbarmachen dieser Berührungsqualität, Shiatsu als ganzheitliche Methode bekannt zu machen und weiterzutragen…so wie ich es von meinen LehrerInnen erfahren und lernen durfte!

So möchte ich meine Zeilen mit einem Zitat von Daniel Stern zu dem griechischen Begriff Kairos enden, welches mir vor kurzem begegnete:

„Kairos ist die entscheidende Gelegenheit, der Augenblick, der Handeln verlangt oder dem Handeln günstig ist, ein Zusammentreffen von Ereignissen, das ins Bewusstsein gelangt und uns klar macht, dass wir jetzt, unverzüglich, etwas unternehmen müssen, um das eigene Schicksal - sei`s für die nächste Minute, sei`s fürs ganze Leben - in eine andere Richtung zu lenken. […] „Kairos ist ein kleines Zeitfenster des Werdens und der günstigen Gelegenheit.“

In diesem Sinne wünsche ich jedem Menschen wunderbare BerührungsMomente und ein gutes WegeGehen, wohin auch immer diese euch führen mögen! …vielleicht eines Tages auch zum Shiatsu…

 

(von 2018)

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Shiatsu-Basiskurs 1 - Bildungsurlaub
08.10.2018 - 12.10.2018
mit Cornelia Ebel


Bewerbung um einen Stipendiumsplatz für den Basiskurs 1 ab 8.10.18
08.10.2018 - 12.10.2018
mit Cornelia Ebel
Shiatsu-Basiskurs 2 im Herbst

03.11.2018 - 09.12.2018
mit Cornelia Ebel und Ulrike Schmidt
Fortbildungs-Seminar: Physiologie 1 für Shiatsu-Praktiker

01.12.2018 - 02.12.2018
mit Ekkehard Dehmel
Shiatsu Basiskurs 1

23.02.2019 - 10.03.2019
mit Cornelia Ebel
Shiatsu Basiskurs 1

01.06.2019 - 16.06.2019
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