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| Shiatsu bei TraumafolgenPeter Itin (Neufassung und Auszug aus dem Buchmanuskript: Shiatsu als Therapie
Was ist Trauma? Trauma ist die Bezeichnung für
In einer traumatischen Situation sind Flucht oder Verteidigung nicht mehr möglich. Der Schutzmechanismus wird ausser Kraft gesetzt, eine Überwältigung findet statt. Traumatische Ereignisse geschehen oftmals zu schnell und zu heftig und manchmal auch zu häufig. Ein wesentliches Element des Traumas besteht darin, dass Folgewirkungen auftreten. Das Trauma sitzt auch nach dem ersten Schock immer noch im Nervensystem. Meist klingen die Folgen von selbst wieder ab. Manchmal beeinträchtigen sie das Leben im Hier und Jetzt noch lange nach dem Ereignis und beeinflussen Denken, Fühlen und Handeln. Folgende Symptome sind für Trauma kennzeichnend
Trauma-Folgen sind schwerwiegender, wenn das Trauma absichtsvoll herbeigeführt wurde, und
Naturereignisse, unvermeidbare Unfälle, oder Schicksalsschläge wirken weniger belastend als Gewaltanwendungen, Missbrauch und Übergriffe. Traumatisierte Menschen reagieren in Belastungssituationen in rigiden Mustern. Die stereotypen Verhaltensweisen sind selbstbeschützende Automatismen des Organismus. Traumatisierte Menschen sind nicht mehr in der Lage, auf verschiedene Grade von Stress angemessen und dosiert zu reagieren. Ihre Wahrnehmung ist verzerrt und „klebt" an der Vergangenheit fest. Traumatisierte Menschen sind Gefangene ihrer Gefühle, eines Teufelskreises von Angst und Hilflosigkeit. Trauma-Opfer zeigen zudem starke psychosomatische Reaktionen, die mit den Organfunktionen zu tun haben (Asthma, Herzrasen, Schlaflosigkeit, Schlafstörungen, Durchfall, Schweissausbrüche, Hautausschläge u.a.). Sekundäre Folgewirkungen können zum Beispiel Suchtverhalten, Depression, Isolationsverhalten, Esstörungen usw. sein. Traumatisierte KlientInnen können mit Shiatsu in der Regel gut unterstützt werden. Es ist empfehlenswert, dass sie sich darüber hinaus in professioneller Trauma-Therapie und ärztlicher Begleitung befinden und über ein soziales Netz verfügen. In Traumatherapien geht es darum, Erstarrtes wieder zum Fliessen zu bringen, zerbrochene Verbindungen wieder herzustellen und die Fähigkeit zu stärken, selbstverantwortlich ein zufriedenstellendes Leben führen zu können. Traumatherapie beinhalten drei Phasen: Stabilisierung, Traumakonfrontation und Integration. Shiatsu bei Traumafolgen Shiatsu kann bei traumatisierten Menschen generell dazu beitragen,
Grundsätzlich sind zu berücksichtigen:
Zu 1: Es ist zentral, bei Trauma-KlientInnen zuerst ein Gefühl von Verbindung und Vertrauen, Sicherheit, Geborgenheit, Schutz und positiver Unterstützung herzustellen und einen entsprechenden „energetischen Raum" auf der Beziehungsebene aufzubauen. Unsere eigene innere Stabilität, Zentriertheit, Ausgerichtetheit und Zuversicht wird von der Klientin auf der Schwingungsebene aufgenommen. Umgekehrt spürt sie Unsicherheiten, Verletzung, Mitgeschwemmt-werden. Sie wird möglicherweise immer wieder austesten: „bin ich hier sicher?" In einem mitfühlenden, Halt gebenden Containment fühlt sie sich sicher, respektiert und gut aufgehoben. Dies ist eine Grundbedingung dafür, dass sich das Nervensystem entspannen kann. Es gilt zu respektieren, dass gewisse KlientInnen anfänglich nicht in der Lage sind, die Augen zu schliessen und sich vertrauensvoll der Behandlung hinzugeben. Gewisse ertragen anfänglich nur kurze Sequenzen von Körperkontakt. Zentrierung, Ausrichtung und Handlungsfähigkeit sind als Fokus bedeutsam. Die Arbeit am Hara (Zentrum), mit Lenker-/Konzeptionsgefäss und Blasenmeridian (Mittellinie), Kopf und Füssen (Verbindung Himmel/Erde) und mit den Händen (Wiedergewinnung der Handlungsfähigkeit) können die innere Stabilisierung stärken. Zu 2: Die erlittenen Grenzverletzungen erfordern, dass Grenzen von der TherapeutIn thematisiert, respektiert und gestärkt werden. Das Vertrauen in den Körper muss wieder aufgebaut werden. Unachtsame Berührungen sind zu vermeiden. Wir fragen nach, ob das, was wir tun, für die Klientin O.K. ist. Es ist zu klären, ob gewisse Körperzonen Tabu sind und nicht berührt werden sollen. Man sollte fragen, wie der Druck sein muss, damit er angemessen ist. Damit kann man erreichen, dass die Klientin sich ihres Körpers wieder bewusst wird und den Mut hat, Bedürfnisse auszudrücken. Dies stärkt ihre Eigenverantwortung und Persönlichkeit. Indem wir mittels Fragen zu gespürten Veränderungen das Bewusstsein auf das physische Erleben des Körpers lenken, kann die Klientin den eigenen Körper, sich selbst und ihre Grenzen wieder besser spüren. Shiatsu soll der Klientin inneren Raum geben. Zu 3: Ein traumatisierter Organismus funktioniert in rigiden, engen Mustern und fürchtet sich davor, die Kontrolle zu verlieren. Kontrollmechanismen geben das Gefühl von Sicherheit, selbst wenn diese eine Scheinsicherheit ist. Keine Kontrolle mehr zu haben ist mit dem Trauma und mit Lebensgefahr assoziiert. Überkontrolle darf nur langsam, schrittweise gelöst werden. Kontrolle heisst Halten, Festhalten. Sie drückt sich körperlich als dauerhafte Muskelkontraktion aus. Aktive Dehnungen können vom Nervensystem als Wiederüberwältigung interpretiert werden und retraumatisierend wirken. Es darf nur sukzessive Druck aus dem System weggenommen werden. Das Lösen von Jitsu muss sehr sorgfältig geschehen. Wir bieten dem Jitsu ein Gefäss zur Entspannung an. Loslassen können ist Angstfreiheit, Vertrauen. Dies ist nur möglich, wenn man sich auf innere Ressourcen abstützen kann. Bei Trauma ist besonders wichtig, nicht als erstes das Ziel zu haben, gefrorene, konzentrierte Energie aufzulösen, auch wenn der starke Traumavortex die Aufmerksamkeit zum Jitsu zieht. Es ist wichtig, sich zuerst dem Kyo zu zu wenden. Wir verbinden uns mit dem unerfüllten Bedürfnis, z.B. nach getröstet werden, genährt werden, gehalten werden, und unterstützen dessen Kraft und Ressourcen. Zu 4: Je grösser das geistige Wegtreten, die Abkopplung vom Hier und Jetzt erfolgt ist, desto bedeutender wird der Einsatz des vollen Körpergewichts, damit die Klientin sich selbst, das Leben, das Materielle Da-Sein, die irdische Basis, das Substanzielle und Stabile wieder spürt. Oft geht es darum, den eigenen Körper überhaupt wieder wahrzunehmen, abgespaltene Teile des Körpers wieder zu spüren („dies ist meine Arm") und sie wieder mit dem Ganzen zu verbinden (Arm-Schulter-Rumpf). Dissoziation ist auch Gefühllosigkeit und die Unfähigkeit, klar zu denken. Im Trauma übernimmt das Reptiliengehirn die Regie. Es geht darum, Gefühle wieder zu zu lassen und rasende Gedanken zu beruhigen. Im Shiatsu können wir die verschiedenen Frequenzebenen wieder aktivieren und in Verbindung bringen. Zu 5 und 6: Im Trauma ist eine überlebenswichtige, somit besonders kraftvolle Bewegung (Flucht, Kampf) gewaltsam unterbrochen worden. Sie steckt als blockierte Energie immer noch im Körper. Auf eine maximale Anspannung folgt in der Überwältigung eine Kollabierung des Energiesystems. Wir finden somit besonders extreme energetische Phänomene vor: Jitsu (Fülle, komprimierte Energie, die nach Bewegung und Befreiung ruft) und Kyo (Leere, die nach Nährung, Erdung und dem Wiederherstellen von Verbindungen ruft). Bei Übererregung geht es darum, denn Organismus zu entspannen und zu beruhigen. Bei Erstarrung geht es darum, sorgfältig wieder in die Bewegung zu kommen. Durch einen sanften Wechsel zwischen Jitsu und Kyo wollen wir ein natürliches Pendeln und die Wiederherstellung des Selbstregulierungsmechanismus bewirken. Beispielsweise kann ein rhythmisches Bewegen des Arms ein sanftes Pendeln zwischen Öffnen (Lunge) und Schliessen/Schützen (Dickdarm) evozieren, sodass sich der Organismus auf diese Qualitäten rückbesinnt. Zu 7 und 8: Bei Posttraumatischen Belastungsstörungen wirkt das energetische Muster des vergangenen Ereignisses noch lange Zeit weiter. Im Shiatsu können wir mit zeitlich zurückliegenden Energiemustern Kontakt aufnehmen und dazu beitragen, die in der Zeit festgefrorene, noch wirksame Energieschablone aufzulösen. Wir können Hara-Diagnosen für den traumatischen Zeitpunkt durchführen und feststellen, welche Meridianenergie zu jenem Zeitpunkt Kyo war und das damals unerfüllte Bedürfnis stärken. Wir können in der energetischen Evaluation feststellen, in welchen Jahren sich die Energie deutlich anders anfühlt (zusammenzieht, leer wird usw.). Dadurch können wir mögliche Trauma-Zeitpunkte erkennen und Zusammenhängen auf die Spur kommen. Je nach Trauma-Kategorie gilt es zusätzliche Aspekte zu berücksichtigen: Schleudertrauma ist auch eine Folge zu rascher körperlicher Kontraktion und Kollabierung. Wir finden hochkomprimierte muskuläre „Schutzpanzer" sowie Zonen völliger Energielosigkeit und körperliche Bewegungseinschränkungen vor. Dadurch werden die typischen Symptome wie rasches Ermüden, Schwindel und Kopfschmerzen ausgelöst. Die Shiatsu-Arbeit ist zunächst Kyo-stärkend. Am Ort des maximalen Jitsu ist sie „anbietend", nicht fordernd. Dies bedeutet beispielsweise, dass Seitwärts-Bewegungen des Kopfes durch reines Halten ermöglicht oder durch kleinste Bewegungen ausgelöst, aber nie forciert werden. Die liebevolle Aufmerksamkeit und das Zeit-Lassen sind entscheidend. Wenn sich der Kopf gegen eine Drehung sperrt, bieten wir ihm ein offenes Gefäss an, das ihn stützt und schützt und ihm ermöglicht, Bewegungen selbständig zu finden. So gelingt es dem Organismus, das Vertrauen in diese Bewegungen wiederherzustellen und eine Retraumatisierung zu verhindern. Innerliches Zureden ist oft hilfreich („schau, es ist links wieder sicher, die Gefahr ist vorbei"). Unsere innere Einstellung unterstützt das Nervensystem darin, zu entspannen und nicht mehr benötigte Muster aufzugeben. Gleichzeitig gilt es, energetisch schwache Stellen zu stärken und Verbindungen wiederherzustellen. Bei einem frontalen Aufprall sind in der Regel Dünndarm und Nieren-/Blasen Meridian vom Schock betroffen - physisch und emotional. Bei lateralen Unfällen sind Gallenblase/Leber- und Milz-Meridiane oft besonders betroffen. Bei länger zurückliegenden Traumata können wir auch in der Geschichte arbeiten, basierend auf einer Hara-Diagnose für den vergangenen Zeitpunkt. Wir können Shiatsu auf diesen energetischen Zustand beziehen und die nicht erfüllten Bedürfnisse (Kyo) mit den energetischen Ressourcen (Jitsu) stärken. Der Zeitpunkt kurz nach dem Geschehen ist wichtig im Hinblick auf die Frage, was am meisten half und wichtig war, und was es allenfalls noch mehr an Unterstützung gebraucht hätte. Energetisch suchen wir das Bedürfnis (Kyo). Manchmal kommt uns in der Behandlung selbst ein Thema in Form eines Bildes oder Stichworts entgegen. Bei absichtsvoll zugefügten Traumata ist es oftmals wichtig, nicht zu „tun", sondern mit der Berührung vor allem „da zu sein", Vertrauen und Wohlbefinden zu vermitteln und nährend, tröstend zu arbeiten. Man muss warten können, mitschwingen, mit der inneren Kraft der Klientin in Kontakt treten. Damit gibt man ihrem Organismus Raum und Zeit, das zu prozessieren und zu integrieren, was angezeigt ist.
Meridianenergien und Trauma Ausgangsbasis jeder Shiatsu-Behandlung ist der energetische Befund. In einem Workshop liess ich zwanzig Kursteilnehmerinnen einen „Beinahe-Verkehrsunfall" mental erleben. Die Hara-Diagnosen, die sich auf den Zeitpunkt vor und den nach dem Unfall bezogen, waren wie erwartet völlig unterschiedlich. Zudem waren die Diagnosen für den Schockzustand von Person zu Person unterschiedlich. Deutlich herausragend waren Feuer Jitsu (Herz/Dünndarm) sowie Erde Kyo (Magen/Milz). Ich interpretiere dies als ein Abheben des Shen, verbunden mit dem Bedürfnis und der Erfordernis, sich wieder zu Erden. Ferner zeigten sich öfters Blase und Dickdarm Jitsu, Leber und Herzkreislauf Kyo. Die Meridian-Energien geben uns wichtige Informationen, mit denen wir Trauma-bezogen arbeiten können. Im Folgenden gebe ich Beispiele, wobei auch weitere Interpretationen möglich sind. Die Stichworte helfen, Zugang und Kontakt zu finden, und die positiven Wirkungskräfte zu stärken.
Der Körper erinnert sich Mit Shiatsu können traumabedingte energetische Spannungen gelöst werden. Es können sich körperliche Reaktionen zeigen wie tiefe Müdigkeit, Gähnen, Tränen, Schütteln des Körpers, usw. Derartige Entladungen sind positiv zu werten. Die Klientin ist zu ermuntern, sie zuzulassen. Shiatsu kann unter Umständen traumatische Gefühle, Erlebnisse und Erfahrungen reaktivieren. Dies kann sich in verschiedenen Formen ausdrücken:
Spannungen dürfen deshalb nur langsam und Schritt für Schritt gelöst werden. Insbesondere ist bei gewissen Körperzonen Vorsicht geboten. So sollte man bei stark traumatisierten Personen nicht zuviel im Kiefergelenk arbeiten, da unterdrückte Schreie und Erfahrungen sexueller Übergriffe dort gespeichert sein können. Der Hals ist eine weitere Zone, die man infolge von Würge-Erfahrungen manchmal überhaupt nicht berühren kann. Bereits die Berührung in Halsnähe kann eine gewisse Aktivierung auslösen, die sich beispielsweise dadurch bemerkbar macht, dass der Kopf heiss und rot wird, der Oberkörper erstarrt und die Atmung schwer wird. Eine leichte Aktivierung kann durchaus gut sein. Wird sie festgestellt, ist darauf zu achten, dass sie bestimmtes Ausmass nicht überschreitet und sich wieder auflöst, entlädt oder entspannt. Zu starke Aktivierungen führen zu Retraumatisierungen und zur Überwältigung durch den negativen Sog des Traumas. Sie sind rechtzeitig zu verhindern. Mittel, um übermässig starke Aktivierungen zu verhindern, sind
Die Klientin ist beim Behandlungsunterbruch zu fragen, was sie in diesem Moment benötigt, physischen Kontakt, oder ein Taschentuch, das man ihr respektvoll anbietet. Der Klientin ist zu signalisieren, dass man in der Lage ist, den Prozess zu halten, selbst nicht überwältigt wird, dass man mit der Situation sein kann und fähig ist, sie zu einem sicheren Abschluss zu führen.
Das begleitende Gespräch Oftmals ist sich eine Klientin früher Traumata nicht bewusst. Aufgrund ihrer unangemessenen Verhaltensweisen und rigider Muster vermuten wir jedoch einen entsprechenden Hintergrund. Es kann auch sein, dass die Klientin sich früh erfahrener Traumata bewusst ist, diese jedoch der Shiatsu-Therapeutin gegenüber nicht anspricht, sei dies aus Scham, oder weil sie den Bezug zu ihrer Situation verdrängt. Es gilt, mit solchen Situationen sehr subtil umzugehen. Der Weg führt am besten über Fragen. Gibt es besonders belastende Gefühle und Situationen im Leben? Kehren diese regelmässig wieder? Seit wann ist es so? Welche Beziehungen zwischen Symptomen und Ereignissen werden gesehen? Man kann der Klientin das Gespräch als ein offenes Gefäss anbieten, das zu Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis hinführt und ihre Resilienz unterstützt. Daraus kann sich möglicherweise auch die Erkenntnis entwickeln, dass eine Psychotherapie oder Traumatherapie hilfreich sein könnte. Es gibt Klientinnen, die den Zusammenhang zwischen ihren Problemen und Trauma klar sehen und gerade deshalb ins Shiatsu kommen. Gewisse sind gleichzeitig in eine Psychoanalyse, Psychotherapie oder Traumatherapie, andere nicht. Dies gilt es im Erstgespräch zu klären. Sie suchen primär eine Unterstützung durch energetische Körperarbeit, nicht durch das Gespräch. Dennoch ist das Gespräch ein unabdingbarer Bestandteil jeder therapeutischen Begegnung und kann nutzbringend ergänzend zur Behandlung eingesetzt werden. Die Gesprächsführung bei Trauma orientiert sich an zwei Hauptzielsetzungen
Vor jeder Behandlung ist zunächst die seelische und emotionale Stabilität der Klientin zu prüfen. Wir müssen ein Gespür dafür entwickeln, in welchem Rahmen wir uns bewegen können, was die Klientin emotional halten kann. Falls Überwältigung trotzdem eintritt, ist die Orientierung im Hier und Jetzt vordringlich. Zudem ist diese ein Zeichen dafür, dass eine professionelle Traumatherapie dringend erforderlich ist. Es ist nicht empfehlenswert, dass die Klientin über ihre traumatischen Ereignisse spricht. Es ist jedoch gut, wenn die Shiatsu-Therapeutin weiss, dass Traumata vorliegen. Es reicht vollkommen aus, „die Kapitelüberschriften" des Buchs zu kennen, man benötigt nicht die Inhalte der Geschichte selbst. Oftmals hat die Klientin das Bedürfnis, alles zu erzählen und einen sogar förmlich zu überfluten. Hier sind klare Grenzen im Eigeninteresse beider Seiten zu setzen. Zuviel und immer wieder über Trauma-Erlebnisse zu sprechen hat auf die KlientInnen erfahrungsgemäss eine retraumatisierende Wirkung, da Gefühle wie panischer Angst und Ausgeliefertsein wieder aktiviert und neuronal verstärkt werden. Nur mit professioneller Traumatherapie gelingt es, dem Teufelskreis eines derart starken Traumas zu entrinnen. Ein wichtiges Ziel jeder Traumatherapie ist es, dass KlientInnen lernen, sich der Sogwirkung des Traumavortex zu entziehen, und Kompetenzen entwickeln, sich mit dem Thema bewusst aber dosiert beschäftigen zu können. Eine Zielsetzung hierfür ist, Vorzeichen rechtzeitig zu erkennen, wann die Sogwirkung sich zu entfalten beginnt, und zu lernen, rechtzeitig „auszusteigen", sich nicht überwältigen zu lassen. Aussteigen heisst, wieder zu den Resilienzfaktoren zurückzufinden. Die Bedeutung der Fähigkeit, sich von den Gefühlen möglichst nicht überschwemmen zu lassen und wieder zur eigenen, inneren Kraft zurückzufinden, muss den KlientInnen bewusst gemacht. Es braucht zudem ihre feste Entschlossenheit zur Veränderung. Ist diese gegeben, kann die Shiatsu-TherapeutIn im begleitenden Gespräch bei der Verfolgung der obigen Zielsetzungen mithelfen. So soll die Klientin nicht nur das offensichtlich Beschädigte wahrnehmen, sondern die Aufmerksamkeit beispielsweise zur Kraft bringen, die es ihr ermöglicht hat, unter schlimmen Bedingungen weiter zu leben. Oder die Unterstützung kann darin bestehen, ihre Fähigkeit, eine gute Mutter zu sein, wert zu schätzen. Dieses Pendeln muss explizit und auf eine sehr subtile Art geschehen, um zu vermeiden, dass zwischen Klientin und Therapeutin ein „Gezerre" entsteht, dass sich die Klientin unverstanden fühlt, weil die Therapeutin von ihrem Leid immer wieder ablenkt. Es braucht deshalb eine explizite Übereinkunft, dass die Rolle der Therapeutin darin besteht, immer wieder zum Gesunden, Stärkenden und Nährenden hinzulenken. Fragen sind am besten geeignet, negative Stimmungen und Gefühle auflösen. Es sind Fragen wie: Was würde helfen? Was würde im Moment gut tun, eine Erleichterung bringen? Das Aufbauen von Ressourcen und das Entwickeln stabilisierender Einstellungen und Muster ist harte Arbeit. Es muss mit Willen und Beharrlichkeit verfolgt werden. Ohne Bereitschaft und Motivation seitens der Klientin führt jede Bemühung der Therapeutin ins Leere und endet in Frustration. Shiatsu-TherapeutInnen können traumatisierte KlientInnen im Gespräch darin unterstützen, ihre seelischen Kräfte zu erkennen und Stabilität zu entwickeln. Das Ziel besteht darin, dass KlientInnen Wahlmöglichkeiten im Leben erkennen und zu ergreifen beginnen.
Falls die Klientin sich gleichzeitig in einer Psycho- oder Traumatherapie befindet, sollten wir uns mit der entsprechenden Fachperson absprechen, inwieweit wir ihre Arbeit unterstützen können. Insbesondere sollten wir nichts tun, dass ihrem Konzept zuwiderläuft. Zudem sollten wir vermeiden, mit zusätzliche Ideen und Übungen die Klientin zu „überfrachten". Wir können den Klientin helfen, ihre inneren und äusseren Ressourcen zu erkennen, aufzubauen, auszubauen und zu stabilisieren. Wir lenken sie durch Fragen und Impulse beispielsweise zu folgenden Möglichkeiten hin:
Positive Gefühle wie Zufriedenheit, Dankbarkeit, Freude, Vertrauen sind wichtig. Sie sind bewusst herbeizuführen, zu erkennen und wertzuschätzen (z.B. Essen mit Kerze, Visualisieren von freudigen Ereignissen). Das Selbstwertgefühl und der liebevolle Umgang mit sich selbst müssen wieder aufgebaut werden. Letztlich ist es die Einstellung im Kopf, die sich vom Negativen und vom Trauma zum Positiven und zu den Ressourcen hin umorientieren muss. Jedem Aspekt des Traumavortex steht mindestens ein Resilienzfaktor gegenüber: Trauma Resilienz Ohnmacht, „Ich kann" Hilflosigkeit Unterstützung haben und holen können Verzweiflung Zuversicht, Hoffnung Überwältigungsgefühle Grenzen spüren und ziehen Sinnlosigkeit des Lebens Was lehrte man durch das Trauma Wut, Hass Dankbarkeit, Verzeihen Immobilität, Starre Bewegung Dissoziation Kontakt, Körper Starre Muster Achtsamkeit.
Das therapeutische Feld Aus der Psychotherapie weiss man, dass eine mitfühlende Beziehung für den Therapieerfolg mitentscheidend ist. Es geht darum, sich auf die Klientin „einzuschwingen" und ein Feld zu gestalten, in dem Transformation und Heilung der Wunden möglich ist. Dieses Feld muss bewusst konstelliert werden. Dies benötigt bei traumatisierten KlientInnen besonders viel Bewusstheit. Bei Trauma ist es wichtig, dass die TherapeutIn selbst emotional und spirituell stabil ist, damit sie den Raum und die Orientierung im Hier und Jetzt mitfühlend zu halten vermag und die Zuversicht in die Weisheit des Lebens aufrecht halten kann. Trauma benötigt die Fähigkeit der TherapeutIn,
Die Gefahr besteht, mit gut gemeintem Helferwillen zuviel zu tun und Eigenes zu wollen, die Klientin zu überfordern und sie einzuengen. Es ist essenziell, im Kontakt mit Traumaklientinnen sich selbst gut zu spüren und zu beobachten, sich zurückzunehmen, bewusst das richtige Mass von Nähe und Distanz, Intervention und Nicht-Tun zu finden. Mitgefühl ist zu unterscheiden von Mitleid, bei dem die Therapeutin ihre Grenzen verliert, sich mit der Klientin identifiziert und deren Leid zu sehr auf sich lädt, was zu Burnout führen kann. Aussagen der KlientInnen können eigene Traumata aktivieren, sodass man sich z.B. plötzlich selbst dissoziiert fühlt. Zudem haben KlientInnen die unbewusste Tendenz, TherapeutInnen in ihr energetisches Trauma-Muster hineinziehen. Typisch sind Idealisierungen („Sie sind meine letzte Hoffnung"), Abwertung („Shiatsu bringt auch nichts") und Erpressung („Wenn Sie mir nicht helfen, dann..."). Man soll als TherapeutIn nicht RetterIn sein, keine wohlfeilen Ratschläge erteilen und keine privaten Beziehungen mit der Klientin pflegen. Selbstentwertungen sind häufig. Die Klientin sucht unbewusst immer wieder die Bestätigung, dass sie „der letzte Mensch" und ein hoffnungsloser Fall sei. Man sollte keine entwertenden Formulierungen aufgreifen oder verwenden - selbst nicht in Scherzform. Man sollte keine Trauma-KlientInnen behandeln, wenn diese Arbeit als zu belastend empfunden wird. Die Arbeit mit stark traumatisierten Menschen ist nur möglich, wenn man als TherapeutIn intensiv mit der eigenen Persönlichkeit gearbeitet hat und mit „Beziehungsfallen" umgehen kann. Man sollte zudem unbedingt Supervision in Anspruch nehmen.
Literatur
| Aktuelles
Achtung: Unsere Veranstaltungen • 6. Deutsche Shiatsu-Tage 11.-19.09.2010 Aktionsbehandlungen 11.09.2010 - 19.09.2010 • Praktische Einführung in Shiatsu - kostenlos 15.09.2010 • Behandlungstag - kostenlose Shiatsu-Behandlung 17.09.2010 • Shiatsu und Tapen 24.09.2010 mit Gundula Gerlach • Basiskurs 1 25.09.2010 - 03.10.2010 mit Cornelia Ebel • Mantren - Singkreis - Chanting 27.09.2010 mit Paula Heruth und Bruno Koch • Technikabend: Shiatsu im Sitzen 29.09.2010 mit Claudia Gerstmann • Shiatsu auf dem Behandlungsstuhl 01.10.2010 mit Cornelia Ebel • Technikabend: Lagerung und Techniken in der Schwangerschaft 06.10.2010 mit Claudia Gerstmann alle Veranstaltungen |